DUM NR. 91

THEMA: SANDIG - Von Bibione bis Burnout
Mit: Andrea Winkler - Interview * Christine Steindorfer * Sandra Bauer-Wagner * Eline Menke * Silke Gruber * Rudolf Kraus * Petra Schwiglhofer * Martin Peichl * Gerhard Benigni * Saza Schröder * Daniela Dangl * Georg Großmann * Nina Rinner * Isabel Folie * Angelika Polak-Pollhammer * Sofie Steinfest * Steffen Brenner * Thyra Thorn * Elke Steiner * Susanne Grech * Werner Stangl * flimmern.fischen

Rezensionen: David Bröderbauer - Wolfssteig * Birgit Rietzler / Lea Jehle / ChristiAna Pucher - Eppes riahrt sig * Robert Prosser - Gemma Habibi

Zeichnungen: Eckholz, Oleg Estis

Preis: EUR 4.- (EUR 7.- außerhalb Österreichs)
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 15.- (EUR 20.- außerhalb Österreichs)
Bestellung: Online, per E-Mail (dummail@gmx.at) oder unter 0664 / 4327973.


DUM-Interview: "LEBEN IST IMMER NOCH LEBEN. SCHREIBEN IST IMMER NOCH SCHREIBEN" mit Andrea Winkler



Leseproben aus DUM 91:


INSTANTNUDELN DER FOTOGRAFIE
(Christine Steindorfer)

Grieslert* nannte man es trocken, wenn der Fernseher nur Schneetreiben ausstrahlte, wenn Held und Landschaft ineinander rannen wie der Sand am Meer, wenn man sich reflexhaft die Augen rieb, um fern-sehen zu können. Damals als man den Fernseher noch Fernsehapparat nannte, im festen Glauben mit der Apparatur im Namen würde er besser funktionieren, wie sich auch vom Telefonapparat besser rauswählen ließe als vom Telefon. Damals als es noch half, wenn man dem Fernseher, wenn er seine Apparathaftigkeit vergaß, mit Nachdruck seitlich eine drüberzog, um die Röhre im Inneren zurechtzuweisen. Was bei der Göre hilft, kann bei der Röhre so falsch nicht sein.

Grieslert waren auch die ersten Fotos, schwarz/weiß und gekörnt, später in Sepia getränkt und weichgezeichnet, noch später mit blasser Farbe überzogen, erst viel später knallten die Farben, dass es im Auge nur so krachte. Die ersten Fotoapparate ließen vieles anders erscheinen als es war, aber das wusste man erst Tage wenn nicht Wochen später, nachdem man die Bilder mit ängstlicher Erwartung beim Fotografen aus dem Umschlag gezogen hatte. Da war dann schon alles zu spät, das Motiv weg, Unschärfe da, blass grün wölbten sich die Berge im Hintergrund, die Kühe auf der Weide braunfleckige Schatten ihrer selbst, die Schindel am Kirchendach zur Einheit zerflossen. Und manchmal war es doch grieslert und das Neugeborene wirkte verstörend gealtert, die Großmutter, die es in Armen hielt, auch, aber bei ihr fiel das nicht so ins Gewicht.
...

*grieslert - umgangssprachlich für körnig



LEERSTÜCK
(Rudolf Kraus)

stück für stück
kommt mir
die fröhlichkeit
abhanden
bitterernst
werde ich dann

beim fixieren des nichts
hängen sich meine
blicke auf

leer zu sein
ist auch kein
honiglecken



FERIENERLEBNIS EINER DEUTSCHLEHRERIN.
Ein Reisetagebuch (gekürzte Fassung).

(Silke Gruber)

Es rief nach mir das Meer,
so reiste ich nach Rimini.
Zwölf Erwachsene, sechs Kinder,
dieselbe Großfamilientraditionsvollpension direkt am Strand
seit mehr als dreißig Jahren.
Tag eins: Nåch Rimini, då kimminie, dachte ich kurz vor Verona, als wir wegen eines Kühlerproblems abgeschleppt werden mussten. Der Aufenthalt in der Werkstatt wurde den Kindern mit WLAN versüßt und zwölf Stunden später saßen wir endlich am Strand. Mein Schwager spendierte uns eine Runde Mojito, danach legte sich jeder auf seine Liege und las ein bisschen, während die Kinder in den Wellen mit ihren Luftmatratzen tobten. Irgendwann verlangte es auch uns Erwachsene nach Abkühlung und wir stapften im Storchengang heldengleich bis zu der einen Stelle, wo einem das Wasser nicht nur bis zu den Knöcheln reicht. Dort erfüllten wir unsere Pflichten und depften gekonnt alle Kinder, bis ihnen das Wasser aus allen Körperöffnungen schoss. Noch schnell ein zwei Löcher gebuddelt, ein zwei Strandnachbarn mit Sand beworfen, ein zwei Calippo aus der Packung in den Sand gerutscht, ein zwei Strandverkäufer abgewehrt, no grazie, no grazie, ein zwei Deka Sand in der Arschfalte, und schon saßen wir beim Abendessen. Bauch voll, raus auf die Promenade. Hier galt es, möglichst viele Jetons in möglichst kurzer Zeit zu verzocken; auch geschafft, noch ein zwei Uno auf der Hotelterrasse gespielt, ein zwei Ciao bella ciao bella ciao ciao ciao, drei vier Mal ciaociao buona notte a domani und dann wieder die leidige Diskussion: Holt sich jemand über Nacht den Tod, wenn wir die Klimaanlage anlassen?
Tag zwei bis vier: Verlauf siehe oben plus Muschelsammeln.
Tag fünf und sechs: Verlauf siehe oben plus Tretbootfahrt plus mit dem Käscher Krebs gefangen.
...



PALIMPSEST
(Martin Peichl)

Ich habe in der Sandkiste einen Schmetterling begraben, habe eine Schweigeminute veranlasst und den Sandkörnern dabei zugesehen, wie sie eine Lawine geformt haben.
Irgendwo klopft jemand Schnitzel, die Nachbarskatze ist schon ganz nervös, ich denke an die Stempelfarben der Clubs, die wir gemeinsam, die wir getrennt besucht haben, an das unsichtbare Palimpsest an Namen, die wir zum Teil buchstabieren müssten, so fremd klingen sie jetzt, während irgendwo jemand Schnitzel klopft,
das Fleisch: ganz dünn, ich denke REIGEN, ich denke GEMETZEL,
angeblich hört man in der Stille der israelischen Wüste Negev seine Ohren klingeln und den Sand in der sengenden Hitze singen,
während du mit Fallobst jonglierst,
während ich die Messer, die Scheren schleife,
während wir unsere Postleitzahl auf Briefe schreiben als wäre sie alleine schon Drohung genug,
während wir darüber nachdenken, wer wir sonst noch sein könnten,
und wie viele davon gleichzeitig.



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