©M.Blaszczuk
DE MARIA HOD A PUFFN

Wolfgang Kühn interviewt: Sigrid Horn
Die im Mostviertel aufgewachsene und in Wien lebende Sängerin Sigrid Horn hat mit "sog i bin weg" ein schaurig-schönes Dialektalbum veröffentlicht. Die CD ist bei "Bader Molden recordings" erschienen, was ja allein schon ein Qualitätsmerkmal ist. Lieder übers Leben, über die Kehrseite der Medaille.


DUM: Seit wann lebst Du in Wien bzw. wie viel Mostviertel hat in Deinem Leben noch Platz?

SIGRID HORN: Ich bin seit 10 Jahren in Wien. Das Mostviertel wird mich wohl nie verlassen, aber ich fühle mich als Wienerin. Ein Wiener Kind, das von nirgendwo kommt und nirgendwo hingehört. Das ist das schöne an Wien. Man darf einfach da sein.

Es ist interessant, das Mostviertel ist vom Waldviertel nur durch die Donau getrennt, aber sprachlich gibt es schon Unterschiede, vor allem in der Aussprache. "Nöwi" beispielsweise würde bei uns im Waldviertel "Newe" heißen. In Wien versteht man wahrscheinlich beides schwer. Wie siehst Du das?

Es wird teilweise in jedem Graben ein bissi anders gesprochen. Da gab es als Kinder viele Diskussionen über richtig und falsch. Familiär gibt es bei mir viele verschiedene Einflüsse und ich nehm mir die Wörter so, wie sie sich für mich am besten anfühlen, meine Zunge darf machen worauf sie Lust hat. Aber im Mostvierteler Durchzugsdialekt mischt sich ohnehin vieles.

Wie ist es gekommen, dass Anna Schrems (sie war mit dem Dialekttext "Dorfpunk" in DUM # 58 vertreten) den Text "huankind" für das Album geschrieben hat?

Den Text gab es lange vor dem Album und lange vorm Song. Ich hab Anna damit bei einem Poetry Slam auftreten sehen und war erschlagen von der Wucht der Bilder und wusste sofort, dass ich dieses Stück vertonen mag. Ich sprach sie an und sie stimmte zu, das war 2014. Es ist somit das älteste Lied am Album. Die Arbeit mit Annas Text stellt eine Zäsur in meinem Schreiben dar, ich habe danach ganz anders über Texte nachgedacht. Sie hat mir eine neue Welt eröffnet. Eine wunderschöne, düstere, starke.

In DUM 89 war Martin Peichl Interviewgast. Der Titel lautete "Das Waldviertel ist eine Metapher". Lässt sich das, jetzt im Hinblick auf Deine CD, auch auf das Mostviertel anwenden?

Ja. Für mich ist das Mostviertel ein Konglomerat aus ambivalenten Gefühlen. Liebe und Angst. Faszination und Grauen. Das dazugehören-Wollen, das nie-wirklich-ein-Teil-davon-sein-Können und dann das weg-Wollen. Pünktlich zur Mostblüte erwischt mich aber jedes Jahr eine Sehnsuchtswelle und ich muss wieder raus.

"und in da liab bin i wie a dromedar i sauf mi au und bin daun wida wochnlaung alaa". Das klingt nach Fernbeziehung (Wien - Mostviertel?), ist es aber nicht, oder?

Es geht um Ausverhandeln von Beziehungskonzepten und Definitionen von Liebe. Was ist Treue, was ist Loyalität? Zu wem fühl ich mich hingezogen? Was macht unsere Verbindungen aus? Ich singe übrigens von der "liebe", in meiner Sprache gibt es "liab" nur als Adjektiv.

Die "Maria" im gleichnamigen Song - die mit da "Puffn" - gibt es da eine reale Vorlage?

Es sind viele Geschichten, die sich hier vermischen. Prostitution, Gewalt an Frauen, Selbstverteidigung, Ausbeutung, Scheinheiligkeit, das alles sind Themen, die in diesem Lied Platz gefunden haben. Der Auslöser war jedoch eine abstrakt gestaltete Kirchenfassade im 16. Wiener Gemeindebezirk. Ich habe dort in der Nähe gewohnt. Jedes Mal wenn ich im Dunkeln nach Hause gegangen bin, sah ich eine Frau mit einem Schleier, die mit einem Maschinengewehr auf mich zielt. Es war mir klar, dass das nicht die intendierte Lesart des Freskos sein kann, aber ich konnte einfach nicht erkennen, was diese Frau wirklich in der Hand hält. Erst nach einem Jahr wies mich eine Freundin darauf hin, dass das kein Maschinengewehr ist, sondern ein Baby. Daher heißt es im Refrain "owa i was, de maria hod a puffn." Es fühlt sich an wie ein Geheimnis zwischen der Frau und mir.

Song # 10 auf dem Album heißt "baun" und hat Dir am 12. Februar dieses Jahres den Gewinn des Protest Song Contests beschert. Ein wunderbar kritischer und anklagender Song, den die Leute, denen er "gewidmet" ist, vermutlich nicht hören werden. Wie gehst Du mit dieser quasi Ohnmacht, dem Singen gegen die Wand im wahrsten Sinn des Wortes um?

Alles was so ein Song kann, ist die Menschen an Ungerechtigkeiten erinnern und sie aus ihrer Bequemlichkeit wachrütteln. Die Verantwortlichen werden nie wegen einem Song zum Umdenken kommen. Daher ist es auch egal ob sie's hören oder nicht. Aber die Leute, die schon aufgegeben haben, denen alles wurscht ist, die sollen ihn hören. Und dann sind sie vielleicht wieder etwas mutiger und wütender und trauen sich Sachen zu verändern bzw. die Veränderungen einzufordern.

"umständ" und "familiensochn" klingen sehr nach Generationenkonflikt. Hast Du das Gefühl, dass man am Land anstatt "aufzuwachsen", eher "aufgewachsen wird"?

Ich erlebte es teilweise als Korsett von (Geschlechter)rollen, Erwartungen, Tratschen und Statmmtischurteilen. Was die anderen Leute sagen ist wichtiger als der eigene Antrieb. Das ist furchtbar. Gleichzeitig gibt es eine für mich sehr eigenartige Art der Privatsphäre.

Du hast eine geraume Zeitlang mit dem unvergessenen Günther "Tschif" Windisch den Dialektslam im Tschocherl organisiert und moderiert. Nach seinem Tod vor zwei Jahren ist der Slam ins Stocken geraten, jetzt gibt es wieder einen Anlauf. Das gleiche Konzept oder hat sich was verändert?

Es hat sich alles verändert, weil Tschif nicht mehr da ist. Gleichzeitig versuchen wir so viel vom Zauber von damals zu bewahren und Tschifs Erbe hochzuhalten. Ob uns das gelingt werden wir erst sehen. Der nächste Termin ist übrigens am 24. Mai pünktlich um 19.90. (Leider war da DUM 90 noch in Produktion, das Interview fand im April statt)

Hat Sigrid Horn einen Brotberuf bzw. was sind so Deine nächsten künstlerischen Pläne?

Ich habe aufgehört Brot zu essen und schreibe neue Songs.

Vielen Dank und alles Gute weiterhin!



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