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Markus Köhle interviewt: Martin Peichl
2018 war ein sehr gutes Jahr für Martin Peichl. Die Saat von 2017 ging auf, er erntete Preise und Stipendien. 2019 fängt auch stark an. In der Edition Atelier erscheint sein Debüt "Wie man Dinge repariert". Ansonsten alles wie immer, nur immer besser: Martin Peichl unterrichtet, schreibt, veranstaltet, liest, verschenkt Bierdeckel-Gedichte, geht mit Markus Köhle auf die Donnerstagsdemo und und ins Café Anno, um dort zu wuzeln, zu trinken, ein paar DUM-Fragen zu beantworten und ein 5-Bier-Foto zu machen.

Wir treffen uns an einem Dienstagabend. Wir treffen uns schon um sieben, damit es nach fünf Bier erst 22 Uhr sein und Martin am nächsten Morgen wie immer motiviert und gut gelaunt die erste Stunde in der Zirkusgasse unterrichten können wird. Martin hat sein druckfrisches Buch dabei. Es ist schön geworden und kommt im Doppelpack daher: Buch und Bier. "Wie man Dinge repariert" und ein Reparaturseidel mit Cover-Etikett. Martin hat sich auch fürs Signieren was einfallen lassen. Signiert wird nicht auf der ersten Seite, sondern beim zur Person passend erscheinenden Beziehungsstatus. Für mich auf Seite 80 "Wir sind ein 6er-Tragerl weit davon entfernt, glücklich zu sein." Zu zweit ein 6er-Tragerl. Das lässt sich machen. Gehen wir es an.



DUM: Was (Zwischenmenschliches ausgenommen) hast du mal so richtig schön kaputt gemacht?

MARTIN PEICHL: Leider viel zu viele "Masters of the Universe" Figuren (in meiner Kindheit), die könnte man nämlich jetzt richtig gut als Sammlerstücke verkaufen. So habe ich leider nur einen "Skeletor" ohne Beine und einen "He-Man" mit einem kaputten Schwert.

Was (Zwischenmenschliches ausgenommen) hast du mal so richtig schön repariert?

Ein Dauerprojekt ist die alte Winterjacke meines Vaters, die ein paar Jahre älter ist als ich und mittlerweile einige Löcher und diverse extra Ärmeleingänge hat. Aber zwischendurch flicke ich sie dann wieder zusammen. Ich denke ja bei Reparieren immer an "Kintsugi", ein Konzept, das mich auch beim Schreiben des Romans begleitet hat.

Und Kintsugi ist was?

Bei dieser japanischen Reparaturmethode geht es darum, kaputte Gegenstände (wie z.B. Vasen) nicht nur zu reparieren, sondern die Risse und Sprünge nach dem Zusammenfügen mit Gold zu verzieren. Es rückt die Tatsache in den Mittelpunkt, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, etwas Kaputtes wieder herzustellen, dass der Gegenstand wertvoll genug war, ihn nicht nur zu reparieren, sondern durch die Reparatur aufzuwerten. Kintsugi ist für mich auch die Philosophie, zu seinen kaputten Anteilen zu stehen.

Das erinnert mich an Narben. Hast du Narben und Geschichten dazu.

Ich hatte lange eine Narbe auf der Stirn, die mittlerweile altersbedingt verschwunden ist. Bin als Kind über meine kleine Schwester gestolpert und hab mit der Stirn auf einem Kastl aufgeschlagen. Ein Cut, das eigentlich genäht werden hätte müssen. Die Mutter war aber der Meinung, ein Pflaster reicht.

Bei uns zuhause war der Waschlappen so etwas wie die Universalwunderheilwaffe und das Gegenteil vom Waschlappen war der Hammer: Hammer, Akkuschrauber oder Stanley Messer?

Stanley Messer, dann Hammer, dann Akkuschrauber. Weil man Stanley Messer am leichtesten ersetzen kann, zum Beispiel mit einem Griff zum Messerblock.


Nebenbei erfahre ich, dass Martin sehr lange sehr lange Haare hatte. Mittlerweile trägt er mehr Bart und trimmt diesen eher mit dem Stanley Messer, als dass er zum Barbier ginge. Barbier! Was für ein Wort. Bin gespannt, wann die erste Barbierbar eröffnet.


Du bist schon seit 12 Jahren Lehrer. Betrachtest du Unterrichten und Schreiben als Doppelbelastung oder als Segen?

Ich empfinde es als eine sehr schöne Kombination, auch weil sich viele Überschneidungen und Synergien ergeben. So kann ich zum Beispiel Autorinnen und Autoren, die ich persönlich kennenlerne zu mir an die Schule einladen (für Lesungen oder Workshops). Und ich glaube, dass ich in einer ganz guten Position bin, Freude am Schreiben weiterzugeben bzw. Begeisterung fürs Schreiben zu vermitteln. Besonders schön ist es, wenn dann die eigenen Schülerinnen und Schüler ihre ersten Wettbewerbe gewinnen oder ihre ersten literarischen Veröffentlichungen haben - wenn ich also merke, dass ich einen kleinen Teil dazu beigetragen habe, junge, talentierte Schreibende zu fördern.

Wer ist für dich der/die beste Lehrer_in in der Literatur?

Ich hab früher viel abgeschrieben, zuerst von Thomas Bernhard, dann von Peter Handke. Und war entsprechend weit weg von einem eigenen Stil. Dann habe ich irgendwann angefangen mehr Autorinnen zu lesen und ich denke, das hat meinem Schreiben nur gut getan. Mein Tipp also: Viel lesen (vor allem Autorinnen!), viel schreiben (möglichst ohne sich zu sehr selbst zu zensurieren) und viel ausprobieren. Außerdem habe ich immer sehr vom Austausch mit anderen Schreibenden profitiert.

Und welche Lehrer_innen-Darstellung in der Literatur ist für dich am gelungensten?

Ich finde den Lehrer aus Horvaths "Jugend ohne Gott" spannend, auch weil ich den Satz "Die Erde ist noch rund, aber die Geschichten sind viereckig geworden" sehr treffend finde für vieles, das gerade auf politischer Ebene passiert (nicht nur in Österreich). Ich mag das ambivalente Verhältnis der Figur zum Thema "Wahrheit". Ansonsten musste ich bei der Frage auch an den "nächtlichen Lehrer" von Klaus Böldl denken.

Ist Wein, Wales und Waldviertel dein Sex, Drugs & Rock'n'Roll?

Den Wein müssten wir mit Bier ersetzen, Wales ist ein Platzhalter und das Waldviertel eine Metapher. Insofern geht sich der Vergleich nicht ganz aus.

Apropos Ersetzen. Wen oder was würdest du ersetzen, wenn du könntest?

Die komplette Bundesregierung. Ausnahmslos. Sie untergraben die Demokratie. Sie verschieben Begriffe und haben die Grenzen der Sprache dermaßen verrückt, dass jeglicher Diskurs zerstört bzw. gar nicht mehr möglich gemacht wird.

Dagegen hilft leider kein Reparaturseidel. Demonstrieren hilft. Bildung hilft. Lesen hilft. "Wie man Dinge repariert" ist mehr als ein Hoffnungs- und Trostpflaster. "Wie man Dinge repariert" ist ein tolles Debüt. Alles Gute!


Es ist zwar nach zehn worden: Uhr und Krügerl. Aber geteilt durch zwei ist das ja weder Uhrzeit noch Leid.


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