SPÄTSTARTER & SPRACHSPIELER

Wolfgang Kühn interviewt: Harald Vogl
Was Buchveröffentlichungen betrifft ist der 1966 geborene niederösterreichische Autor Harald Vogl wahrlich ein Spätstarter. 2017 erschien sein Lyrikdebüt "im stillen weiß ungelesener blicke" (Verlag am Rande), 2018 folgte in der Literaturedition NÖ "bandsalat & bildgewitter". Wolfgang Kühn hat den mehrfach in DUM abgedruckten Autor zum Interview gebeten.


DUM: Du warst schon des Öfteren in DUM vertreten, erstmals in der Ausgabe # 60 im November 2011. Bis zu einer Buchveröffentlichung hat es lange gedauert, aber dann gleich "doppelt". Wie hat sich das ergeben?

Es hat auch bis zur Veröffentlichung in DUM lange gedauert, da ich erst nach vielen Schreibjahren und Gesprächen mit Literaturkundigen mich getraut habe, Texte zu Literaturzeitschriften und Wettbewerben zu schicken. Nach ersten kleinen "Erfolgen" habe ich begonnen mit Verlagen Kontakt aufzunehmen. Diese Doppelveröffentlichung war Zufall, da das erste Buch schon früher hätte erscheinen sollen, der ursprüngliche Verlag aber sein Leben mehr oder weniger ausgehaucht hat und die Lektorin über ein Jahr später einen eigenen gegründet hat und meine Gedichte immer noch haben wollte. Und die Vorlaufzeit in der Literaturedition NÖ ist ja auch keine geringe - so hat es dort auch gute zweieinhalb Jahre bis zur Veröffentlichung gedauert. Witzig ist nur, dass sowohl Erstkontakt wie Veröffentlichung dann wirklich nahezu gleichzeitig waren. Andererseits bin ich auch nicht davon ausgegangen, dass beide Projekte angenommen und in Buchform erscheinen werden.

DUM: Wie bist Du zur Lyrik gekommen? In Deiner Bio ist als Beruf "Sportinstruktor" angegeben. Das klingt jetzt nicht unbedingt nach "literarischer Karriere". Ist es das Spielen mit der Sprache, das ein wenig an Sport erinnert?

Literatur hat neben dem Sport immer eine wichtige Rolle gespielt, wobei für mich gute Songtexte auch Literatur sind und mich sicher zur Lyrik gebracht haben. Zunächst waren die Gedichte eher Persönlichkeitstherapie, freischreiben und auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Eine "literarische Karriere" habe ich nie angestrebt, nach einiger Zeit und kleinen Erfolgen von einem eigenen Buch in einem "richtigen" Verlag geträumt - das schon.
Die Verbindung von Sport und Literatur liegt für mich darin - da ich nun in der Leichtathletik und im Ausdauerbereich hängengeblieben bin - dass man da wie dort für das perfekte Endergebnis die Zielbewegung d.h. das (in meinem Fall) Gedicht unzählige Male üben, überarbeiten, verbessern, in Variationen ausführen, abschleifen, auf das wichtigste beschränken, und perfektionieren muss, um am Ende ein harmonisches, rhythmisch rundes Ganzes, das ganz leicht daherkommt, zu erhalten und dem man die Anstrengung und die Arbeit daran nicht ansieht oder ansehen darf.

DUM: Hast Du jemals an Schreibseminaren / Workshops teilgenommen oder bist Du eher Autodidakt?

An derartigem habe ich nie teilgenommen. Ich habe mir also alles erlesen und "erhört", weil ich unzählige Lesungen besucht habe und immer noch besuche, um mir einen Ein- und Überblick zu verschaffen und viel Verschiedenes kennenzulernen.

DUM: Du lebst im niederösterreichischen Amstetten. Gibt es dort so etwas wie eine Literaturszene?

Es gibt zwar in Amstetten einige (mehr oder weniger bekannte) Schreibende, aber eine Vernetzung, ein regelmäßiges Treffen oder Austauschen gibt es zumindest meinem Wissensstand nach nicht. Auch literaturveranstaltungsmäßig passiert nichts Großartiges - also von einer richtigen Szene würde ich nicht sprechen.

DUM: Das Kapitel "das knistern des vinyls zwischen den zeilen" in "bandsalat & blattgewitter" ist durchsetzt von Textzeilen bekannter und weniger bekannter Rock- und Popsongs, u. a. finden sich "all is quiet on new years day" (U2) oder "Tonight's the night" (Neil Young). Was bedeutet Musik für Dich?

Wohl auch da ich nie ein Instrument erlernt habe, hat Musik für mich etwas hoch Faszinierendes und Bewundernswertes. Vielleicht wäre ich auch in diesem Bereich nicht ganz untalentiert gewesen, Rhythmusgefühl wird mir nachgesagt - also vielleicht Schlagzeuger. Und auf Rhythmus und Melodie lege ich auch in meinen Gedichten großen Wert. So bedeutet Musik für mich in erster Linie Eintauchen in Rhythmus und Melodie, auch Zerstreuung und Entspannung und in letzter Zeit vermehrt auch Inspiration. Und in diesem ganz speziellen Fall, Erinnerung an die Jugend, an Songs und Texte die mich begleitet haben und mir wichtig waren bzw. teilweise immer noch sind. Ich bin ja überzeugt, dass mich die Beschäftigung mit Songtexten zur Lyrik geführt hat, da ich erst viel später Lyrik zu lesen begonnen habe. Schlussendlich bilden die englischsprachigen Texte den Grundstock meiner Englischkenntnisse, da mir diese Sprache in der Schule nicht adäquat vermittelt wurde - sagen wir es einmal so.

DUM: Was bzw. wo sind Deine bevorzugten Schreibplätze?

Grundsätzlich kann ich, da ich alles zuerst mit der Hand schreibe (Notizbuch, Zettel, ...) überall schreiben. Relativ oft im Freien - in einem kleinen ruhigen Park in Amstetten. Aber im Endeffekt läuft es immer auf den großen, runden Tisch im Wohnzimmer hinaus - umgeben von Büchern und in der Nähe der Musikanlage.

DUM: Wie entsteht bei Harald Vogl ein Gedicht? Was sind Deine Inspirationsquellen?

Die Zeit, dass mir Ideen, Zeilen, ganze Gedichte in Massen ein- bzw. zugefallen sind, sind eher vorbei. Mittlerweile heißt es daran und dafür "arbeiten". Als Inspiration bieten sich mir in letzter Zeit vor allem Songtextzeilen (speziell von "son of the velvet rat"), einzelne Sätze oder auch nur Wörter, die mich anspringen und um die herum ich dann mit meinen Worten die Gedichte "baue". Das kann dann aber auch sehr schnell und auch in eine komplett andere Richtung gehen. Auch Bilder und Fotos inspirieren mich - ich schreibe z. B. gerade an Gedichten zu Islandfotos einer meiner Athletinnen. Und der Weg geht immer mehr in Richtung kleiner oder größerer Zyklen, in denen die Gedichte thematisch, in der Form oder wie auch immer zusammenhängen.

DUM: Wie lange dauert es in der Regel, bis ein Gedicht so weit gediehen ist, dass Du es "aus der Hand gibst", sprich an eine Literaturzeitschrift schickst oder öffentlich liest?

Mittlerweile bin ich da offener, freigiebiger und schneller bereit, ein Gedicht "loszulassen", andererseits kommen mir - meiner Meinung nach nicht geglückte Gedichte - ohnehin nicht in den Computer, das heißt in Reinschrift. Die liegen dann (halbwegs geordnet) auf Papier geschmiert herum und warten auf Überarbeitung. Ich habe aber auch schon veröffentlichte Texte wieder umgeschrieben und hoffentlich verbessert - ein Gedicht ist ja nie fertig und so wirklich zufrieden bin ich ja ohnehin nur kurzfristig damit.

DUM: Einer der von Dir geschätzten Lyriker ist der Tiroler Christoph W. Bauer, von dem sich am Beginn von "bandsalat & bildgewitter" ein Zitat wiederfindet. Was beeindruckt Dich an seinen Gedichten besonders?

Zunächst war es wohl die radikale Kleinschreibung und die Satzzeichenfreiheit der Gedichte, dann der Rhythmus, der Ton und seine ganz eigene Vorstellung davon, was ein Gedicht zu sein habe. Später die Anwendung und das Verweisen auf alte Formen und das Verschränken dieser mit moderner Sprache (bis hin zu Toten Hosen Texten). Das für mich Faszinierendste bleiben aber diese meisterhaften Enjambements - nicht nur am Versende, sondern auch im Inneren - bei denen man beim Lesen erst die Zugehörigkeit der Wörter zu bestimmten vorhergehenden oder nachfolgenden Wortgruppen festlegen muss oder kann oder darf, die daraus entstehenden Mehrfachbezüge, aus denen sich auch plötzlich ein anderer Sinn ergibt, der einen auf neue Wege und zum Weiterdenken führt. Und dann ist da vom ersten Band weg ein Ton oder was auch immer, der / das in mir etwas ganz positiv und freudvoll in Schwingung versetzt - übrigens geht es mir mit den Songs von "son of the velvet rat" ganz genauso - das ich nicht näher beschreiben kann. Einfach ein beglückendes Gefühl, das mich erfüllt.

DUM: Was sind Deine nächsten Pläne?

Am schon relativ umfangreichen Zyklus zu Songzeilen von "son of the velvet rat" weiterschreiben (vielleicht ein nächstes Buchprojekt), ein wenig meine Kurzprosaideen weiterverfolgen - und generell mehr schreiben und mich von der Leichtathletik nicht zu sehr, vor allem gedankenmäßig vereinnahmen zu lassen, wiewohl ich dort gerne eine Athletin zu einem Limit im Hürdenlauf führen würde, das sie berechtigt an einer internationalen Meisterschaft (u18 EM) teilzunehmen.

DUM: Vielen Dank für das Interview!


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