In ihrem Romandebüt "Große Ferien", das im Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen wird, hat Nina Bußmann eine in Klagenfurt gefeierte Sozialstudie auf hohem literarischen Niveau vorgelegt. Im folgenden Interview erzählt sie ein bißchen darüber und wie es dazu kam.
DUM: Worum geht es in Ihrem Roman Ihrer Meinung nach?
Um Leidenschaft.
DUM: Wie kam es dazu, dass Sie über die Schulzeit schreiben wollten?
Das wollte ich gar nicht. Ich wollte über einen schreiben, der richtig weit fort geht, alles hinter sich lässt etc., doch musste ich dazu wissen, wovor dieser Mensch floh. Das war unter anderem die Schulzeit, die Familie und Heimat, Situationen, die man sich nicht ausgesucht hat.
DUM: Inwiefern steht das Schulsystem in Ihrem Buch für die Gesellschaft im Allgemeinen?
Die Schule ist ein Biotop, ein künstliches Ordnungssystem, in dem die Bedingungen des echten Lebens außen vor gehalten werden - zumindest der Idee nach. Im Unterricht können nur vereinfachte Modelle vermittelt werden. Kindheit und Jugend, deren ganze Unvernunft, Gewalt und Sehnsüchte sind in Schach zu halten. In diesem umhegten Raum kann sich verhältnismäßig gut zurechtfinden, wer die Regeln kennt. Die Schule stellt also eher ein wenn auch nicht besonders schönes Gegenmodell zur neoliberalen Gesellschaft, einen Zufluchtsort vor allzu intensiven Erfahrungen dar. Wobei der Regelverstoß zum Programm gehört, Chaos droht.
DUM: Die Bachmann-Jury meinte Sie bzw. Ihr Roman sei "radikal wie David Lynch"? Wer sollte den Roman idealerweise verfilmen?
Ich weiß nicht, ob beim Verfilmen viel vom Roman übrig bliebe. Er findet wesentlich im Kopf statt. Nicht, dass man Denken nicht filmen bzw. eine Bildsprache für das Denken finden könnte, aber ich kann mir das Denken, wie es hier passiert, nicht als Film denken. Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, die für meine Arbeit sehr wichtig waren und sind, die Namen fallen mir gar nicht alle ein. Ich würde aber bestimmt nicht sagen, diese oder jener sollten den Text verfilmen, so etwas zu sagen, wäre ja wieder ein Vergleich.
DUM: Wer könnte die Hauptrolle, den Schramm, spielen? Oder eigentlich gibt es ja zwei Hauptrollen ... Wen könnten Sie sich in diesen Rollen vorstellen?
Niemand Bestimmten. Auch nicht in den anderen Hauptrollen. Ich bin immer sehr erstaunt, wenn ich Literaturverfilmungen ansehe, deren Vorlagen ich kenne. Sie können gelungen sein oder nicht, ich bin immer entsetzt. Nicht, weil ich mir die Figuren mit anderer Haarfarbe vorgestellt hätte, sondern weil die Figuren von den Schauspielern ausgefüllt werden, sie können noch so ambivalent spielen, sie sind nie so abstrakt und offen wie im Text.
DUM: Wie war es in Klagenfurt beim Bachmann-Wettbewerb zu lesen?
"Man kann nur verlieren", war ich gewarnt worden. Auch wer mit Preis nach Hause ginge, fange an, sich und das eigene Arbeiten von außen zu sehen. Das stimmt gewiss, andererseits passiert nichts anderes, wenn Bücher erscheinen und rezensiert werden. Natürlich verliert sich in der hysterischen Wettbewerbs-Klassenfahrts-Stimmung noch stärker der Sinn für das Verhältnismäßige. Es wäre schön, von diesen Blicken unabhängig zu sein. Ich habe mich über das Lob der Jury gefreut, ich habe mich gefreut und geärgert, wenn ich beim Schwimmen von Fremden angesprochen wurde, ich habe mich geärgert über verschiedene Dinge, die ich anschließend in den Feuilletons gelesen habe, und noch mehr über mich selbst, dass ich das alles nachgelesen habe; mittlerweile ist der Anfall vorüber.
DUM: Wie fühlt es sich an das Roman-Debüt bei Suhrkamp zu veröffentlichen? (Und darf man fragen, wie es dazu kam?)
Es hat mich sehr glücklich gemacht, als die Zusage kam. Wahrscheinlich gibt es bestimmte Erwartungen, und wenn ich daran denke, bekomme ich es auch mit der Angst zu tun. Wichtiger ist, ich fühle mich sehr gut aufgehoben und betreut, v. a. mit einem sehr aufmerksamen und intensiven Lektorat.
DUM: Wo schreiben Sie am liebsten?
Wo ich mich unbeobachtet fühle.
DUM: Wo lesen Sie am liebsten?
Auf Sofas in fremden Wohnungen.
DUM: Wann geht es bei Ihnen Mal wieder in die Ferien?
Ich verbringe die nächsten fünf Monate in einem Dorf in der Pfalz. Es ist geplant, dass ich dort arbeite, was mir recht ist. Trotzdem fühlt es sich sehr wie Ferien an, ich hoffe jedenfalls, mich dort um bestimmte Dinge nicht kümmern zu müssen.
DUM: Woher kommt Ihrer Meinung nach die große Sehnsucht in manchen Menschen alles genau wissen und verstehen zu wollen?
Man kann sich gar nicht unterhalten, ohne einander misszuverstehen, selbst mit den engsten Menschen. Ich bin immer beunruhigt, wenn gerade solche mir nahe stehenden Menschen Dinge tun oder sagen, von denen ich nicht weiß, warum sie das tun. Es ganz genau zu wissen und zu verstehen, wäre meiner Meinung nach noch viel beunruhigender, ich glaube nicht, dass wir das wirklich wollen.
DUM: Wovon soll der nächste Roman erzählen?
Die Protagonistinnen haben andere Erfahrungen gemacht. Ich fürchte sie werden sich mit ähnlichen Problemen herumschlagen müssen.
GROSSE FERIEN
(Romanauszug)
Steil geneigte Rampen führten in die Garagen der Siedlung am Hang. Zuvor in je einseitig von einer Mauer, gegenüber von steilen Grasböschungen eingefasste Schächte. Dort blieb es auch hochsommers für die meisten Stunden des Tages dunkel und kühl. Die Steine speicherten die Nässe des Taus und der jüngsten Unwetter. Durchscheinendes Gespinst aus Algen überzog die Pflasterung, aus Pilzen und Flechten. Unter dem Ablassgitter stand das Regenwasser bis knapp an den Rost. Aus den Fugen zwischen den Pflasterplatten trieb vergeiltes Grün. Flach an den Boden gedrückte Grasrosetten, bleiche Pfeilkresse und Beifuß, fiederteilig belaubt, an den Stängeln behaart. Am Rand der Rampe, zur Böschung hin, Trupps von Taubnesseln, Schierling und Persischem Ehrenpreis.
Man sieht nicht, wie das Kraut wächst. Über Nacht ist es da. Einige wehren sich mit Gift gegen den unerwünschten Bewuchs, viele greifen zu Gasbrennern, armschlanken Apparaten; sie töten das Grün eilends ab, ohne dass man sich auch nur bücken muss. Das sieht schön aus, schön und vornehm. Auf Dauer wirksam ist es nicht. Schramm scharrte. Er hieb die Spitzhacke tief in die Ritzen, bis er die Stränge der Wurzeln zu fassen bekam, und lockerte sie in kleinen, wiederholten Bewegungen, einem Rucken und Hebeln. Manche Triebe ließen sich dann sogar schon mit den Fingern herauszupfen, andere durch Ziehen mit verkanteter Klinge heranholen; abschließend schabte er die Reste der Wurzelhärchen aus der Fuge. In hartnäckigen Fällen, bei schon verholztem, fest verhaftetem Wurzelstock, benutzte er zum Lösen ein Fahrtenmesser. Für besonders verengte Partien ein von ihm selbst hergestelltes Werkzeug. Einen etwa ellenlangen, am Ende zum spitzen Widerhaken gebogenen Draht.
Mit der Arbeit musste früh begonnen werden, noch im Morgendämmern. Das war die wertvollste Zeit. Solange die Luft in Schwaden über den nassen Gärten stand. Stille herrschte. Das war das Wichtigste. Kein Geräusch bis auf das Kratzen seiner Klinge am Stein. Aus einer Entfernung der Lieferverkehr vom Autobahnzubringer und in halbstündigen Abständen das Surren der Züge von der Bahntrasse im Tal. In der Siedlung schliefen die Hunde, die Rollläden waren herabgelassen. Meist nicht zur Gänze. Es blieb oberhalb der Fensterbrüstung ein Abstand, ein flaches Rechteck. Hinter den Mullvorhängen regte sich nichts, legte Haar sich dünn an faltigem Stoff, und in den Küchen vibrierten die Eisschränke. Und wer schon um diese Zeit keinen Schlaf mehr fand, ging dennoch nicht aus dem Haus. Der lag und horchte und wartete ab, lag und äugte zur Orchideenpflanze auf der Fensterbank, einem unter dem Gewicht der Blütenköpfe gebeugten, von mehreren Haltevorrichtungen gestützten Stamm. Zu oft hatte Schramm so dagelegen, steifkiefrig geharrt, dass der Morgen den Hang hinaufgekrochen käme. Rücklings, die Arme an den Seiten, mit hochgezogenen Schultern hatte er stillgehalten und auf die Laute aus dem Wald gehört. Balgende Katzen und das Schreien des Käuzchens. Neuerdings Schwarzwild. Die Überläufer schlugen sich durch das Gehölz bei den Tennisplätzen und kamen die Schonung hinab. Die Tiere vermehrten sich, da Feinde fehlten, rasch. Er hatte ihr Tappen und Schmatzen gehört, das Knacken junger Äste unter ihren Hufen. Sein Gehör war fein. Allzu fein. Was hatte er davon. Harren und horchen. Als könnte man nicht die wache Zeit nutzen, selbst das Tagwerk zu beginnen: Es fiel jedenfalls hinreichend an.
Viele meinen, das Jäten von Hand sei schädlich für Kreuz und Haltung, doch das trifft nicht zu. Man muss knien, kauern oder hocken, anders geht es nicht. Einseitige Belastung ist zu vermeiden. Schramm achtete auf Pausen, er wusste, er musste vorsichtig sein. Wenn er nur vernünftig blieb und vorsichtig, würde es nicht noch einmal passieren. Wichtig war, nicht in Eile zu geraten. Davon hing fast alles ab. Verblieben in der Tiefe der Fugen Rückstände von Wurzeln, bildeten sich leicht neue Triebe und erneut kam es zu unerwünschtem Bewuchs. Bei manchen Gewächsen war es eine Sache von Tagen. Am Ende der bearbeiteten Fläche angelangt, müsste er in absehbarer Zeit wieder von vorn beginnen, wenn er nicht von Anfang an bei der Sache blieb, wenn er, in der vielleicht kaum bewussten Hoffnung, das Ganze doch etwas abkürzen zu können, hier und da ein Hälmchen oder ganze Pflanzkörper übersah. Hast schadet bloß, aber das sagt sich leicht. Er hatte sich die ganze Auffahrt vorgenommen, spätestens bis zum Wochenende musste er zu einem Abschluss kommen. Die Natur stundet nicht, sie fragt nicht, ob man ihre Forderungen vielleicht lieber morgen erfüllen will! Ein schöner Garten, denken die Vorübergehenden, doch diese Schönheit gibt es nicht ohne Preis, es ist die Schönheit, die beständige Arbeit verlangt, und mit dem täglichen Harken und Scharren, Graben und Jäten ist es nicht getan, die Schönheit des Gartens erfordert beständiges Überlegen und Planen, Rechnen und Ordnen, Entscheidungen, die Wochen im Voraus zu treffen sind. Die Zierpflanze in ihrer Anmut weiß davon nichts und darf es auch nicht, das muss so sein! Die Rosenbeete wollen gekalkt, der Blauregen geschnitten sein, rechtzeitig vor dem Herbst die Dahlienzwiebeln ausgegraben und am trockenen Ort verwahrt. Die Tage flitzen. Je fester man sich dagegen stemmt, desto rascher flitzen sie. Wir ordnens, damits zerfällt, damit wirs wieder ordnen und so fort ... Das klingt traurig, doch es ist auch schön, und es darf für niemanden eine Ausrede sein.
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