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Wolfgang Kühn interviewt: Philipp Blom
Eigentlich wollte Philipp Blom Geiger werden. Dafür war er aber nicht begabt genug. Dennoch übt er noch immer fast jeden Tag. Und schreibt großartige Bücher. Wie beispielsweise seinen neuen Roman "Bei Sturm am Meer". DUM hat ihm ein paar Fragen gestellt und auch schon etwas über sein nächstes Buch erfahren.

DUM: Wie war der "Umstieg" von historisch-realen Figuren früherer Bücher ("Böse Philosophen", Der taumelnde Kontinent") zu fiktiven Figuren? Hat Ihnen das Erfinden von Personen Spaß gemacht?

Es war kein Umstieg! Mein erstes Buch war ein Roman - aber das ist lange her, da war ich Mitte Zwanzig. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Der einzige Unterschied zwischen historischen Themen und Romanen ist, dass ich bei ersteren nichts erfinde. In Romanen entsteht eine andere Art von Wahrheit durch kunstvolles Lügen.

DUM: In "Bei Sturm am Meer" geht es sehr viel um zerrüttete Beziehungen: Mann - Frau, Mutter - Tochter, Vater - Sohn, Mutter - Sohn. Eigentlich ist oder bleibt nichts intakt. Die Mär von einer Familienidylle kommt gar nicht erst auf. Und trotzdem ist es kein "schweres" Buch, das den Leser / die Leserin beklemmt. Wie macht das der Philipp Blom?

Es freut mich, das zu hören. Wie Herr Blom das macht? Das kann ich nicht sagen. Ein geglücktes Leben hat oft mehr mit Zufall und glücklichen Umständen zu tun, als mit eigenen Verdiensten, aber auch die Gefühle von Menschen, die nie wirklich in ihrem Leben ankommen, können faszinierend und bewegend sein. In dem Roman greift der Zweite Weltkrieg in das Leben einer jungen Frau ein und ihre Schwierigkeiten, sich ein gutes Leben aufzubauen, verfolgen noch zwei Generationen. Mich interessiert immer besonders, wie andere Menschen ihre Leben leben, welche Geschichten sie über sich selbst erzählen, wie sie ihr Glück suchen und wie sie, oft, daran scheitern. Idyllen sind etwas für sentimentale Filme. Aber auch wenn ein Leben vielleicht wie Scheitern aussieht, verdient es, sorgfältig erzählt zu werden. Das Gefühl, einen Anspruch auf persönliches Glück zu haben, kann sogar zur Falle werden, denn wenn das große Glück nicht von selber kommt, fühlt man sich leicht betrogen - und unglücklich.

DUM: Der Roman spielt zum Teil vor dem realen Hintergrund des RAF-Terrors. Henk, dem Vater von Ben wurden Kontakt zu Ulrike Meinhof nachgesagt. Ist das ein Kapitel deutscher (Zeit-)Geschichte, das Sie besonders interessiert? Wenn ja, warum?

Ich bin ein Kind von Menschen aus der 68er Generation und meine frühesten Erinnerungen kommen aus einer Zeit, in der diese Energie noch sehr stark spürbar war. Für einen Schriftsteller ist es großartig zu sehen, wie die Ideale und auch oft die Selbstgerechtigkeit einer Generation später zerfielen, als sich die ehemaligen Revolutionäre mit der Gesellschaft arrangierten und selbst zum Establishment wurden.

DUM: Das Buch enthält auch eine sehr treffende Beschreibung von einer Ankunft in Wien. Dass die Gegenwart hier weiter weg scheint als anderswo, liest man. Ist es dem Autor Philipp Blom in Wien ähnlich ergangen wie seinem Protagonist Ben?

Ich habe tatsächlich an meinem ersten Tag in Wien den Begräbniszug von Zita gesehen. Es schien fast eine Fügung des Schicksals zu sein. Ich habe in Wien studiert, wollte in der Stadt von Schnitzler, Freud und Mahler leben. Leider hatte ich übersehen, dass sie nicht mehr da waren. Der Katafalk der letzten Kaiserin erinnerte mich daran.

DUM: Wie fühlen Sie sich als geborener Hamburger in Wien? Deutsche und Österreicher haben ja mitunter eine ganz besonders "liebevolle" Beziehung zueinander.

Natürlich - es gibt da einen gewissen Piefke-Faktor und das bekommt man manchmal zu spüren. Aber man lernt, damit zu leben und es ist faszinierend, ein Land, das auf den ersten Blick Deutschland so ähnlich ist und so viele Beziehungen damit hat, in seinem Anderssein verstehen zu lernen. Ich komme aus dem protestantischen Norden, wo man sagt was man meint und meint was man sagt. Das wird hier als plump und unbeholfen angesehen, hier geht es eher darum, das öffentliche und das private Leben voneinander zu trennen. Es hat mich Jahre gekostet, bis ich lernte, Wien und die Wiener zu dechiffrieren, aber inzwischen schaffe ich es - zumindest manchmal.

DUM: Philipp Blom hat eine ausgesprochen starke Bühnenpräsenz. Die Präsentationen früherer Romane waren weniger Lesungen im klassischen Sinn, sondern oft spannende Erzählungen über das Buch und den Inhalt. Wie kann man sich Lesungen aus dem neuen Buch vorstellen?

Ganz einfach: Ich sitze auf der Bühne und lese vor. Es ist ein besonderes Erlebnis, einen eigenen Text zu lesen, die eigenen Sprachrhythmen vor Publikum zum Leben zu erwecken. Ich komme langsam auf den Geschmack. Es ist fast wie ein Theaterstück, oder so soll es zumindest sein: lebendig und unmittelbar, scheinbar (nur scheinbar) spontan. Es ist immer etwas Besonderes, einen Text durch die Stimme des Autors zu entdecken - auch wenn ich davon überzeugt bin, dass letztendlich jede Leserin und jeder Leser eigene Resonanzen finden muss, um sich eine Geschichte zu eigen zu machen.

DUM: Jetzt eine ganz andere Frage: Wollten Sie immer schon Autor werden? Oder hat es ursprünglich einen anderen Berufswunsch gegeben? Was wollten Sie als Kind werden?

Eigentlich wollte ich Geiger werden. Dafür aber war ich nicht begabt genug, obwohl ich früher sehr, sehr viel geübt habe. Heute bin ich eigentlich froh darüber. Das Leben eines professionellen Musikers kann sehr hart sein, denn es gibt so viele begabte und brillante Leute und nicht alle schaffen es. Diejenigen, die Karriere machen, stehen oft unter ungeheurem Druck. Es braucht einen sehr besonderen Charakter und Nerven aus Stahl, um so zu leben. So habe ich die Musik immer noch. Ich übe noch immer fast jeden Tag. Musik und Schreiben ist gleichzeitig völlig unterschiedlich und sehr ähnlich: Es geht einmal nicht um Worte, aber doch immer um Strukturen, dramatischen Aufbau, Stil und Ton, Beziehungen. Für beides braucht man eine gute Technik, damit das Resultat nicht mehr nach Technik klingt.

DUM: Werden Sie diesem "neuen" Romangenre treu bleiben oder war es ein einmaliger Ausflug weg von geschichtlichen Büchern?

Romane waren meine erste Liebe und ich werde nie aufhören, an erzählerischen Stoffen zu arbeiten. Es ist eine andere Art von Herausforderung, eine andere Ausdrucksmöglichkeit. Um es musikalisch auszudrücken: Geschichte ist Interpretation, Geschichten sind Komposition. Beides ist mir wichtig.

DUM: Können Sie schon etwas über Ihr nächstes Buch verraten?

Natürlich. Es ist wieder ein historisches Buch und trägt den Titel "Die Welt aus den Angeln". Es beschäftigt sich mit der "kleinen Eiszeit" im siebzehnten Jahrhundert, als es in Europa vorübergehend kälter wurde. Ich wollte sehen, wie sich Gesellschaften verändern, wenn sich das Klima ändert, eine durchaus aktuelle Frage also. Ich kann Ihnen auch meine Schlussfolgerung verraten: Alles ändert sich! Wie Singvögel und Kellerasseln müssen sich auch Menschen an ihre Umwelt anpassen und das ändert auch die Gesellschaften. Es erscheint im Februar. Auch ein neuer Roman ist in Arbeit, aber der ist gerade erst im Entstehen.

DUM: Vielen herzlich Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft!

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