DUM NR. 80

THEMA: FAST EN YOUR SEATBELTS!
Mit: Philipp Blom - Interview * Katja Bohnet * Dieter Berdel * Elias Hirschl * Mieze Medusa * Othmar Plöckinger * Susanne Rasser* Gerhard Benigni * Eckholz * Angelika Polak-Pollhammer * Rainer Wedler * Franziska Zussner * Regine Mönkemeier * Peter Paul Wiplinger * Peter Schwendele * Michael Gernot Sumper * Stephan Groetzner * Isabella Krainer * Michaela Davin * Janus Zeitstein * Andrea Schröder * Christa Dollfusz * ChristiAna Pucher * Christian Schwetz * Der Wortvertreter

Rezensionen: Philipp Blom - Bei Sturm am Meer * Anna Weidenholzer - Weshalb die Herren Seesterne tragen * Simone Hirth - Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft

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Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.- (EUR 20.- außerhalb Österreichs)
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DUM-Interview: "ÜBER SEITEN & SAITEN" mit Philipp Blom


Leseproben aus DUM 80:

ASIEN IM FLUG
(Katja Bohnet)

Als der erste Engländer in den Gang kotzt, weiß ich, dass es ein schlechter Flug werden wird.

Vereinzelt höre ich aus den Reihen hinter mir ein leises "Fuck!", der Mann auf der anderen Seite hebt angeekelt sein Hosenbein, das wohl ein paar Spritzer abbekommen hat. Ich selbst kämpfe mit den Nachwirkungen des sauren Geruchs, der sich langsam verbreitet. Wir haben die Plätze direkt vor den Rauchern erwischt, aber das macht alles nur noch schlimmer. "Lass mich mal raus", bitte ich Sarah.

"Das ist jetzt nicht dein Ernst?!"
"Lass mich durch oder ich muss auch gleich kotzen."

Sarah zwängt sich aus dem Sitz und ich mich an ihr und dem bröckeligen Haufen vorbei, der aussieht wie ein sitzender Hund. Eine Stewardess kommt von hinten mit einem Lappen, der Engländer hängt immer noch schlaff im Gang und murmelt eine Entschuldigung oder ein Stoßgebet.

Ich fliege nicht gern. Aber nach Asien zu laufen ist auch keine Alternative. Ich gehe also nach hinten, über den blauen Teppich, weg von der gastroenterologischen Katastrophe, das weiße Licht macht mich blind, ich halte mich links und rechts an den Sitzlehnen fest. Dass Turbulenzen immer dann kommen, wenn ich nicht mehr angeschnallt bin, ist ein Fluch. Plötzlich werde ich für einen Moment schwerelos, beide Füße in der Luft. Vor mir wieder eine Gruppe Engländer, deren Getränke - drei Bierdosen - ihren Inhalt plötzlich in den Raum ergießen. Sie stehen im Gang; dürfen sie nicht. Die saufen sich zu; sollten sie nicht. Die Augen blutunterlaufen, die Gesichter blank - ein Erdbeben hier oben hätte die Jungs auch nicht mehr schockiert. Einen Moment später haben wir alle wieder Bodenkontakt, auch das Bier. Einer der Typen blinzelt mir zu. Mir ist klar, dass es hier nicht um Sex geht. Ich neige zu Pummeligkeit, habe mich gerade getrennt, von Derek, auch eher dick. Wenn wir miteinander geschlafen haben, hat es geklatscht. Das ist vorbei. Der Engländer blinzelt immer noch. Vielleicht ein Tick, denke ich, bestimmt kein Sex.
...



TOURISTISCHES SONDERANGEBOT
(Dieter Berdel)

flugzeug antonoff
quartier bungaloff
beef stroganoff
desert malakoff
cocktail molotoff



TRAUMFLIEGEN
(Regine Mönkemeier)

Traumfliegen beherrschte er wie kein anderer, er begann damit bereits im Alter von fünf Jahren. Diese besondere Fähigkeit entdeckte er damals zufällig eines Nachts.

Er hatte die Arme gehoben, sich gestreckt, einfach so, genau wie beim Rekeln, fühlte dann eine seltsam wohlige Span­nung in sich, die andauerte. Und als er die Arme seitwärts drückte, wurde er emporgehoben, stand in der Luft.

Freudig ver­wirrt und atemlos spazierte er zunächst vorsichtig geradeaus, wurde dann kühner, neigte waghalsig seinen Ober­körper weit vor, noch weiter und gelangte schließlich in die Horizontal­lage, von der er wusste, dass sie die angemessene Körper­haltung beim Fliegen ist.

Am nächsten Morgen erinnerte er sich nur undeutlich an die nächtliche Begebenheit, fühlte aber, etwas Außerordentliches gesehen oder erlebt zu haben, das in ihm diese bebende, erwar­tungs­frohe Hoch­stimmung hervorgerufen hatte. Nach mehr­fachen Wieder­ho­lungen, erst unbewusst, dann wie einem bestimmten Befehl folgend, betrieb er schließlich das Traum­fliegen gewohnheits­mäßig.

Wie er feststellte, konnte er, je nach Stärke und Geschwindigkeit der Armbewegungen, auch unterschiedliche Höhen erreichen. Es war nicht sein Hang zur Bequem­lich­keit, wenn er fast aus­schließlich niedrige Flughöhen zwischen achtzig Zentimetern und knapp drei Metern wählte, sondern eine ungewisse Ängst­lich­keit, die ihn schattengleich begleitete.
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BODENPERSONAL
(Isabella Krainer)

Du schreist: "Eine Zumutung!"
Ich nicke und reibe mir die Augen. Als Kind habe ich das früher so lange gemacht, bis ich bunte Kreise gesehen habe. Manchmal sogar Planeten. Trotz Augen zu und allem.
Dann du wieder: "Und das ich mich nicht aufregen soll, das haben sie auch noch gesagt. Nicht aufregen! Verstehst du?"
Jetzt schüttle ich den Kopf. Nein Houston, wir haben kein Problem.

Heute ist Mittwoch. Großes Frühstück. Seit wir aufs Land gezogen sind, ist das irgendwie unser Ding. Schön, sich nicht nur am Wochenende wie ein Mensch zu fühlen. So nah am Leben, meine ich. Mit Gluten, Lactose und der passenden Intoleranz. Nur Speck gibt's keinen. Wegen dem Tierleid.

"Und wie sie mich dabei angeschaut haben! Als wäre ...", höre ich dich wieder laut werden und sehe etwas Kleines durch die Luft fliegen. Etwas Zerkautes. Braun, aber auch weiß. Wie ein winziges Butterbrot, schießt es an mir vorbei. Wie etwas, dass sich den Weg zu einer genügsamen Existenz bahnt. So, wie ich mir die armen Kinder in Afrika immer vorgestellt habe, damals ... "als wäre es das Normalste auf der Welt!", beendest du deinen Satz.

Mit der Frage, was das Normalste auf der Welt ist, beschäftige ich mich übrigens beruflich. Also von hier aus. Home Office. Auch ein Grund, der für den Umzug gesprochen hat. Wie bei diesem Liedermacher, der mit den kleinen geilen Firmen und der räumlichen Distanz. Wieder nicke ich. Warum, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber noch daran, wie ich mir das hier vorgestellt habe. Wie wir den Garten jäten, wie wir lachen, die Finger im Dreck. Wie ich dir gekonnt vorspiele, dass ich nicht nur die Kinder deiner Schwester mag, sondern alle und wie wir übereinander herfallen, so selbstverständlich und überhaupt. Außerdem weiß ich noch, dass er sich gut angefühlt hat, der Nestbau. Ikea und so.
...



DAS LETZTE
(Andrea Schröder)

"Es war ein Unfall. Ein absichtlich herbeigeführter zwar, aber mit Folgen, die ich weder geplant noch gewollt hatte. Ich hätte mit dem Ergebnis rechnen müssen? Ich sage Ihnen etwas: Es hatte bereits ein Mal geklappt. Sehen Sie, ich wollte keinesfalls ein Risiko eingehen. Und als ich deshalb zunächst Irmgard zu Fall gebracht habe, probeweise, war nur ihr Arm gebrochen und etwas Haut auf der Stirn abgeschürft. Ich habe ihr fünfzig Euro gegeben, damit sie nichts sagt. Ich kannte Irmgard von früher. Auf einem Foto stehen wir mit unseren Schultüten nebeneinander. Dann musste sie auf die Sonderschule, denn sie galt als zurückgeblieben, auch wenn man das heute nicht mehr sagt. So dumm war sie aber gar nicht. Später hat sie im Ort erzählt, Benno, der Schäferhund vom Nachbarhof, sei ihr in die Speichen gelaufen.

Nach Irmgards Unfall fuhr ich eine Weile in der Gegend herum. Ich kurbelte das Fenster herunter und streckte den Kopf heraus. Drehte das Radio lauter und klopfte auf der Autotür den Takt mit. Wie sie da im Graben neben dem Feldweg gelegen und mich angeschaut hatte, als ich mich über sie beugte. Genau so würde mich Lila ansehen. Sie hieß ganz anders, sagen Sie? Nicht für mich.

Nachdem ich nun wusste, dass es funktionierte, konnte ich Lilas Anblick entspannter genießen. Wenn sie jetzt Punkt acht Uhr vierzig auf ihrem Hollandrad vorbeistrampelte, gelang es mir in meinem Versteck mühelos, alle Einzelheiten ihrer Erscheinung wahrzunehmen und später, wann immer mir danach war, zu der Gestalt zusammensetzen, die mich auf zuvor nicht gekannte Weise erregte. Ich musste mir nun nicht mehr unter Zeitdruck Befriedigung verschaffen, während Lila auf der mir gegenüberliegenden Straßenseite aus dem Waldstück herauskam, die Landstraße entlang fuhr und schließlich in einer Kurve wieder aus meinem Sichtfeld radelte. Der Tag erreichte seinen Höhepunkt jedoch stets am Abend um kurz nach sieben. Dann trug das Fahrrad Lila für einen kurzen Moment geradewegs auf die Hecke zu, deren Äste mir seit Monaten den Hintern zerkratzten.
...



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