© Susanne Morawietz
ETWAS MIJAULTE

Markus Köhle interviewt: STEPHAN GROETZNER
Eines ist schon mal klar. "So ist das" ist kein Versroman. Es ist ein Flattersatzroman, das ja. Ein Raum lassender und Raum aufmachender Roman. Es ist jedenfalls Stephan Groetzners erster Roman. Sein Debüt hieß "Die Kuh in meinem Kopf" und ist letztes Jahr erschienen. Darin dampfte er auf höchst eigenwillige Weise die Geistesgeschichte ein. In "So ist das" wird erzählt, aber es geht eher um das Wie, als um das Was. Es geht um Damen, Herren, Katzen, Unfälle und deren Beziehung untereinander. Es geht um philosophische Anspielungen, geniale Wortwuchtungen und Liebe zu Damen, Verwechslungen und Sprache. Die Arbeit an diesem Roman erstreckte sich über mehr als ein Jahrzehnt (und hat vom Exposé zur Form gefunden). Ein außergewöhnliches Buch verdient ein unkonventionelles Interview. Markus Köhle las pro Tag eines der zehn Kapitel und stellte dazu per Mail eine Frage. Der Autor meldete sich zurück, wie und wann es ihm beliebte. So dauerte die Mailfernbeziehung vom 2. April bis zum 6. Mai 2013 und was soll ich sagen, es war sehr schön.


DUM: Ad "Die Welt des Herrn Dr. Kopfig". Frage: Schildern Sie uns bitte Ihren letzten öffentlichen Fall (1), welche Funktionen haben Ihrer Meinung nach Nasen (2) und haben Sie Lieblings-Postwurfsendungen und eine offene Hand für Flugblätter (3)?

(1) Mein letzter öffentlicher Fall wird voraussichtlich in einer Grube enden, so dass ich darüber lieber schweigen will.
(2) Die Nase lässt sich nicht auf ihre Funktionen reduzieren. Zunächst einmal ist sie da und ragt "als signalisierter Geltungsanspruch des Ichs in die Welt", wie es Mattenklott1 formuliert, und auch Richter betont treffend das Ragende, wenn er sagt: "Jedes Lamellensegment enthält eine Nase, die in den Drehbereich der Schaltniere ragt."2 Kurz gesagt: "Jedes [...] ragt." Wenn jetzt jedes, das da ragt, ein Schleimproduzent wäre, nun: Es lässt sich leicht ausmalen, wie es um den Drehbereich der Schaltniere bestellt wäre. Über die Funktion der Nase sprechen zu wollen, hieße zunächst einmal, nach Fehlfunktionen fragen zu müssen, wie sie ja bei einem hochkomplexen Organ nicht fehlen dürfen.
(3) Hm. Eigentlich nicht. Ich bin eher ein Freund von Handbüchern.

DUM: Ad "Claras Sicht der Dinge". Frage: Welche herkömmlichen Kleinigkeiten versüßen Ihren Alltag?

Die Endsilben -chen und -lein. Sie sind das Salz in der Suppe der Subjekte. Zum Beispiel getrocknete Fischlein als Zubiss zum Wässerchen. Und unversehens summieren sich die verniedlichten Kleinigkeiten zu einem erklecklichen Häuflein oder auch Häufchen oder wie immer man will. Oder muss. Natürlich darf man das Herkömmliche nicht mit dem Traditionellen verwechseln, das Traditionelle nicht mit einer Neuigkeit3, das Kleine nicht mit dem Großen, und das Große nicht mit dem Ganzen.

DUM: Ad "Maria in den Sternen". Frage: "Nun können wir einander Du sagen."4 Lieber Stephan: Schwindsucht, Lepra oder Bausparvertrag? Und was nicht - warum?

Organe. Maria hat keine inneren Organe.
Dahinter steckt die Schwindsucht, das ist der Wunsch zu verschwinden, sich aufzulösen. Lepra ginge natürlich auch, aber das wäre zu auffällig: äußere Teile, die abfallen. Nein, das geht gar nicht. Obwohl: der Ich-Erzähler im ABC der Losigkeiten5, da geht es ja auch um Auflösungserscheinungen - aber das ist eine andere Geschichte: der hatte ja keinen Bausparvertrag.

DUM: Ad "Annäherungen". Frage: Wohin führt die falsche Richtung und wärst du eine Katze, welche Launen hättest du?

Während die richtige Richtung zu einem klar definierten Ziel führt, also eindeutig ist, führt die falsche Richtung ins Unbestimmte und ist somit mehrdeutig. Trotzdem oder gerade deswegen kann es natürlich zu einer Annäherung kommen, allerdings auf Umwegen. Eine Katze zu sein, das mag ich mir nicht vorstellen: dieses ständige Angetatschtwerden und dieses Futter ... Da würde ich über kurz oder lang aus dem Fenster springen.

DUM: Ad "Und alles". Frage: Dein Lieblingsfilm mit Kuh, deine Lieblingsmusik mit Klavier (oder Orgel), dein Lieblingsbuch mit Versen?

Die Single Sentence Animation über einen Satz aus "The Cows" von Lydia Davis in der Reihe Electric Literature.6
Eine Zeitlang mochte ich mal sehr gerne die Préludes von Skrjabin, aber seitdem ich Akkordeon spiele, ziehe ich russische Volksmusik vor. Zum Beispiel "Suliko" - nein das nicht, das war Stalins Lieblingslied und außerdem ist es georgisch -, also sagen wir mal: Восле речки, восле моста.7
Lieblingsbuch mit Versen? Hm, schwierig, da habe ich zwei: Die Gedichte von Friederike Kempner in der 7. Auflage von 1895 mit blauem Einband und die Gedichte von Friederike Kempner in der 7. Auflage von 1895 mit rotem Einband. Bei näherer Betrachtung würde ich mich dann für das rote entscheiden, da ist nämlich vorne noch eine Widmung der Verfasserin drin, ein ganzes Gedicht, womöglich unbekannt; ich kanns aber leider nicht lesen, weil es in Sütterlin geschrieben ist.

DUM: Ad "Die Wäsche". Frage: Schon mal jemanden aus dem Leben geschnarcht?

Ich nehme an, mit einem einfachen Nein wirst du dich nicht zufrieden geben. Du beziehst dich hier auf eine der wenigen Stellen, die nicht autobiographisch sind. Und so muss die Antwort lauten: Nein. Trotzdem.

DUM: Ad "Hinter den Mauern". Frage: Was ist erstrebenswerter: Ein Semmelweich im Fischteich oder ein Bauch voll Weihrauch?

Eine dieser Entweder-Oder-Fragen. Da müsste ich noch mal Kierkegaard lesen. Zwischen Seite 790 und 791 steckt ein Lesezeichen (warum wohl nur? Ich kann mich nicht erinnern, schon so weit gekommen zu sein, und was steht da?): "In der Stimmung nämlich ist die Persönlichkeit zugegen, aber sie ist dämmernd zugegen." Hilft mir das jetzt weiter? Wird eine klare Antwort von mir überhaupt erwartet?
Da kann ich mir ja gleich ein Yin-Yan-Orakel auswürfeln lassen oder zum guten alten Bible-Picking greifen ...
Am Ende lande ich wieder bei Kierkegaard, und der schreibt: "Dies ist eine sehr verkehrte Methode, die denn auch nur eine Zeitlang Erfolg hat." 8
Im Übrigen ist beides schädlich, es ist die Wahl zwischen Lepra und Schwindsucht, da nehme ich dann doch lieber den Bausparvertrag. Es gibt sicher Erstrebenswerteres: zum Beispiel eine Semmel im Bauch.

DUM: Ad "In den Kellern". Frage: Welchen deiner Kindheitsträume hast du in die Gegenwart gerettet?

Den Traum vom Fliegen. Dieser Traum ist aus einem Falltraum hervorgegangen. Als Kind fiel ich immer irgendwo runter (meist auf der Flucht vor Ungeheuern) und erwachte schweißgebadet im Bett. Irgendwann lernte ich es, im Fallen die Arme auszubreiten und den Sturz zu bremsen - das bewahrte mich vor dem unsanften Erwachen. Das Fliegen gelang mir mit der Zeit immer besser und später sprang ich dann mutwillig von Klippen und Türmen, um dieses wunderbare Gefühl des freien Schwebens zu erreichen. Heute braucht es nicht mal mehr hohe Punkte für den Absprung, es genügt, sich vom Boden abzustoßen, in die Luft zu springen und mit den Armen zu rudern.

DUM: Ad "Fassaden". Und noch eine Oder-Frage: Blech- oder Napfkuchen?

Egal. Ich verwende derartiges Backwerk eh nur zum Entenfüttern.

DUM: Ad "Verkehr". Frage: Den E-Mail-Verkehr genossen (Antwort in Vokalen erbeten)?

Oui.


1 In: Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, hrsg. v. Christoph Wulf, Weinheim und Basel 1997, S. 466.
2 Gotthard Richter: Akkordeon - Handbuch für Musiker und Instrumentenbauer, Leipzig 1990, S. 102.
3 Hierzu vgl. Stephan Groetzner: Im Fischrestaurant, in: Entwürfe 60, Zürich 2009, S. 3: "Der Fischkoch sagt: «Das Traditionelle mischt sich mit einer Neuigkeit.»"
4 Groetzner: So ist das, Graz - Wien 2013, S. 42.
5 Groetzner: Die Kuh in meinem Kopf, Graz - Wien 2012, S. 121: "Inzwischen hatte ich vieles verloren: die Haare, die Ohren, die Nase, das rechte Bein und den linken Arm."
6 Zu sehen auf YouTube: www.youtube.com/watch?v=...
7 Neben dem Fluss, neben der Brücke.
8 Sören Kierkegaard: Entweder - Oder, 5. Auflage Mai 1998, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, S. 791.


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