WENN ICH EINE FRAU WÄRE

AUTORIN: SARAH BOSETTI
REZENSION: Kathrin Kuna
Wunderbarerweise gibt es jedes Jahr die Lange Kreuzberger Buchnacht. Großartigerweise hörte ich da in diesem Jahr nicht nur die Autorin des nebenan besprochenen Buches lesen, sondern auch Sarah Bosetti, die Mitbegründerin der Lesebühne couchpoetos ist und diese auch regelmäßig moderiert. Der unkomplizierte und lustfreundliche Umgang mit Sprache und den täglichen Katastrophen unseres Lebens, der typisch für Poetry Slam und Lesebühnen ist, hat eine sehr erfrischende und heilsame Wirkung. Sarah Bosetti führt uns das absurde Leben als Großstadtbewohnerin in prekären Verhältnissen - wie könnte es in Berlin und als junge Autorin anders sein - vor Augen ohne zu jammern. Sie wird zur Heldin mit Hund, die Männer vom Ordnungsamt mit ihrem trockenen Humor zum Künstlertum bekehrt und uns v. a. dann sympathisch ist, wenn sie ihren bescheuerten Bankberater nicht bloßstellt, als sie herausfindet, dass er einen Zweitjob als Handy-Hotline-Verkäufer hat. Gespannt verfolgen wir ihre Abhandlungen über Körper und Haare und v. a. Körperbehaarung, sowie den bevorstehenden Weltuntergang.

Nach Sarah Schmidt, die hier auch schon öfter besprochen wurde, freu ich mich eine weitere Sprachheldin aus Berlin vorstellen zu dürfen. Sarah Bosetti liest ihre Texte professionell, schnell, bühnenerprobt und unterhaltsam mit sympathisch verschrobenem, nasalem Singsang, in dem sich auch Berlinerisch versteckt. Sie muss dabei nur selten selbst grinsen, während sich das Publikum bereits biegt vor Lachen. In diesem kleinen Buch sind kürzere und längere Erzählungen enthalten, u. a. die titelgebende "Wenn ich eine Frau wäre", in der die Autorin nicht nur ihr Frausein, sondern das Frauenbild im Allgemeinen ebenso genderungerecht wie politisch inkorrekt auf die Schippe nimmt. Erfrischend ungerecht! Herzerwärmend unterhaltsam!

Berufswunsch Dorfältester

Neben der Ich-Erzählerin gibt es - wie bereits erwähnt - den Hund und auch einen Freund und Lebensgefährten, Ulf. Er ist wunderbar absurd und lakonisch. Auch er bestreitet seinen Lebensunterhalt ohne feste Anstellung und geregeltes Einkommen, was vermutlich daran liegt, dass er bereits früher Dorfältester werden wollte. Seine Erklärung dafür: "Man muss erst mit siebenundsechzig anfangen zu arbeiten, und je älter man wird, desto gefragter ist man."

Ulf und Sarah sind ein kongeniales Paar. Sie träumen schräg und leben schräger. Gemeinsam arbeiten sie an einem Unternehmen, das Second Head Toupets heißt. Sarah Bosettis Texte sind eine Einladung in eine Welt der skurrilen Komik und tragisch-komischen Beobachtungen. Monty Python treffen Wes Anderson und Sarah Bosetti hat zugehört und mitgeschrieben - Freud fehlt nie: "Von jetzt an ist Es mein ständiger Begleiter. Es sagt, Es sei schon immer dagewesen, doch nun, da das Über-Ich endlich weg sei, könnten wir ja mal so richtig unseren Spaß haben." Also dann.

SARAH BOSETTI. WENN ICH EINE FRAU WÄRE. Sprechstation Verlag. 2012. ISBN 978-3-939055-17-4



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