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AUTOR: XAVER BAYER
REZENSION: KATHRIN KUNA
Tja, wer den Autor bereits kennt, der weiß, dass man in seinen Erzählungen und Romanen keinen glücklichen Menschen begegnet. Die Hauptfiguren sind gebildete, zynische und verzweifelte junge Männer. Verzweifelt ob ihres Unvermögens aufgrund ihres Wissens irgendetwas unhinterfragt zu lassen bzw. auch nur ein gutes Haar an dieser Welt lassen zu können. So ergeht es auch dem Protagonisten in Weiter.

Am ersten Freitag im Dezember letzten Jahres habe ich im Museum für Urgeschichte in Asparn an der Zaya aus dem mittleren der drei Schaukästen im Raum Nr.2 im ersten Stock einen Faustkeil aus dem Altpaläolithikum gestohlen.

In diesem zugegeben sehr geschickten ersten Satz des Romans, wird bereits das stilistische sowie inhaltliche Programm des Romans anschaulich gemacht. Die eigentliche Botschaft ist ja, dass er, der Ich-Erzähler, diesen Faustkeil gestohlen hat. Die Präsentation dieser Tatsache, indem alle Fakten ganz genau angegeben werden, zeigt bereits, dass das Rundherum, vor allem das Vorführen des Wissens in Form von Wiedergabe zuvor angeeigneter und gespeicherter Informationen, bereits wichtiger als die Tat geworden ist. Und so ist der Ich-Erzähler beherrscht von einer Kulisse, die ihm abwechselnd unrealistisch erscheint bzw. die er sich bewusst auf Distanz hält und so als virtuelle Welt konstruiert. Der Hauptteil des Geschehens passiert im Kopf des Ich-Erzählers, der Leser wird ständig mit seinen Reflexionen und Gedanken konfrontiert.

Es handelt sich um einen orientierungslosen, beinahe, aber doch nicht gänzlich gleichgültig herum mäandernden, etwas verzweifelten, jungen Mann auf der Suche nach Anhaltspunkten. Nach Orientierung. Nach Zielen. Nach Wahrheit. Und nach einem Zuhause. Der namenlose Ich-Erzähler ist auf dem Weg von Wien nach Brno, um dort ein Interview mit einer jungen Computerspiel-Entwicklerin zu führen, für das Magazin, für das er Spiele rezensiert. Abgesehen von diesem Job entwirft und schreibt der Protagonist dieses Romans selbst Rollenspiele. Ständig in diesen virtuellen Welten unterwegs zu sein, muss letztendlich ja einen Realitätsverlust mit sich bringen, denkt man. Tja, aber stellt man sich einen Menschen, der sich in Spielwelten verliert, nicht besessen von der anderen Realität vor? Ist das nicht jemand, der die als allgemeine Realität festgelegte Welt gedanklich verlässt, um sich in einer virtuellen zu verlieren?

In die Realität zurückfinden

Das ist bei unserem jungen Dieb aber nicht der Fall. Er versucht in die Realität zurückzufinden, indem er ihre Grenzen austestet. Er versucht sich in ihr (wieder) zurechtzufinden, indem er zu Vertrautem zurückkehrt (Besuch bei seinem Bruder, der allerdings ebenfalls um die eigene Identität ringt). Gleichzeitig stellt er bewusst alles in seiner Umgebung in Frage und setzt es in den direkten Vergleich mit den ihm bekannten virtuellen Welten. Und das ist genau der Punkt, wo sich alles spießt. Denn diese Vergleiche erscheinen ungemütlich, befremdlich, lassen einen erschauern und auch Fragen stellen, aber um die Dinge wirklich zu hinterfragen reicht es letztendlich nicht.

Dafür lässt sich natürlich dieser Roman und die Konstruktion der Hauptfigur hinterfragen. Wie in den beiden ersten Romanen handelt es sich wieder um einen popinteressierten, gebildeten, jungen Mann. So finden sich einige intertextuelle und intermediale Verweise, wie z.B. auf den Film Donnie Darko, in dem ein junger Bub des Wahnsinns bezichtigt wird, weil er die Fähigkeit besitzt Dinge vorherzusagen bzw. durch Visionen und Träume gequält wird, in denen ihm eine Figur aus einer Parallelwelt Anweisungen gibt. Dieses System der Archivierung des Autors in bester Popliteraturmethode steht thematisch natürlich in schönem Gegensatz zu den virtuellen Welten, die erwähnt werden und scheinbar keinen Bezug zur traditionellen Konstruktion von Realität (Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft) und traditionellen Systemen wie Leben und Tod nehmen. Diese Welten in denen alles zeitlos erscheinen soll. Es wird auf den Suchtfaktor der Spiele und die Problematik des Realitätsverlusts durch Strategie- und Ego Shooter-Spiele hingewiesen - und das auf eine sehr eindringliche und wirklich sehr ernst zu nehmende Weise.

Zugang zum Spüren und Empfinden gesucht

Am Ende des Romans stellt sich aber auch die Frage, wie hoch der Suchtfaktor bei der Suche nach Realität und Wissen und Begreiflichkeit ist. Wenn es bereits auf Seite 25 heißt "Zurück blieb ein taubes Gefühl im Körper, der so plötzlich jemand anderem zu gehören schien.", dann ist die Richtung klar. Sich total in Gedanken zu verlieren und sich schließlich selbst nicht mehr zu spüren, das ist eigentlich das Thema dieses Buches. Und einer ganzen Generation. Nicht nur von Computerspiele-Abhängigen. Der Verlust der eigenen Körperwahrnehmung ist schließlich ein Teil des Realitätsverlusts, wenn nicht der erste Schritt in diese Richtung. Und so findet sich am Ende des Romans auch noch eine Szene, in der Drogen den vermeintlichen Zugang zum Spüren und Empfinden wieder bringen sollen, dabei aber natürlich nur - man weiß es längst - betäuben. Zum Glück aber nicht nur den Körper, sondern auch die Gedanken für einen Moment.

Vielleicht sollte man also hier ansetzen. Denn in Bezug darauf zeigt der Roman wenigstens, dass man sich selbst vielleicht kurz spürt, indem man sich an jemand anderen anzulehnen versucht, dass das aber wiederum eine Art von Abhängigkeit ist und die (Er)Lösung schließlich bei sich selbst liegt.

Über Kraftlosigkeit

Ob man den Roman lesen soll? Ja, klar. Er ist ein sprachlich und erzählerisch starkes Stück Literatur über Kraftlosigkeit. Und in dieser Ambivalenz verstecken sich große Themen wie die Konstruktion und der Verlust von Identität, das (Er)Finden von Lebenskonzepten und die Konfrontation mit Zukunftsängsten.

Was aber soll der Faustkeil? Das überlasse ich Ihnen. Im Buch wird am Anfang durch den Diebstahl eine Art Rätsel-Rallye angedeutet bzw. eröffnet, die am Ende sodann vom Ich-Erzähler explizit angesprochen wird, indem er dem Leser den Inhalt eines auf seiner Reise gestohlenen Schriftstücks verrät und ihn/sie zur Entmystifizierung auffordert. Bereit für diesen Level?

XAVER BAYER, WEITER, Jung und Jung, 2006, ISBN 3-902497-12-2; 978-3-902497-12-3


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