VIENNA

AUTORIN: EVA MENASSE
REZENSION: KATHRIN KUNA
Anscheinend ist was dran, dass man manchmal warten muss und Abstand zu etwas bekommen muss, um darüber schreiben zu können. Vor einer Woche hätte ich über den ersten Roman von Eva Menasse, der heuer im Frühling bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, noch geschrieben, dass er nett, aber todlangweilig ist.

Da habe ich mich noch von Anekdote zu Anekdote gehantelt, um über diese halb jüdische, halb katholische Familie und ihre Geschichte zu lesen, und versucht den Überblick nicht zu verlieren, weil einem ständig neue Personen vorgestellt werden, die zum Teil stark an Tante Jolesch, zum Teil an Figuren aus einem Woody Allen-Film erinnern (was man mit dem am Buch-Cover bereits angekündigten „klassischen  Jüdischen Witz / Charme“ eben assoziiert).

Bis Seite 350 stellte ich mir stets dieselbe Frage: Warum erzählt uns die Autorin das so genau? (Bzw. auch: Was wohl der Herr Bruder [Robert Menasse] dazu sagt?) Nachdem ich das Buch nun schon seit ein paar Tagen fertig gelesen habe, finde ich es einfach wirklich schade, dass nach jeder netten Pointe immer zwei, drei überflüssige Sätze kommen, wo einfach Raum sein sollte, um den Leser in Ruhe den Kopf schütteln oder nicken oder einfach schmunzeln zu lassen.

Nach dem Kapitel „Rückblick“, in dem die Erzählerin der Familiengeschichte mit ihrem Vater nach England an den Ort reist, wo er als Jugendlicher bei einer Ziehfamilie vor den Nazis flüchten konnte und sein Talent als Fußballspieler entdeckt wurde, wird einem plötzlich bewusst, warum alles so genau geschildert wird: Die Erzählerin (die man mit der Autorin mehr oder weniger gleichsetzen kann) hat sehr genau und sensibel beobachtet – und alles genau so wiedergegeben. Zu genau.

Gleichzeitig ist die Liebe, mit der die Personen in ihrer Einzigartigkeit beschrieben werden, und im Gegensatz dazu die Nüchternheit, mit der über Themen wie den Holocaust oder den Zweiten Weltkrieg berichtet wird, genau das Besondere an diesem Roman. Vielleicht habe ich nicht von Anfang an sensibel genug gelesen, vielleicht können Sie das schon.

Wenn nicht, lohnt es sich auf jeden Fall Geduld aufzubringen und an den langatmigen Stellen und den überflüssigen Erklärungen „vorbei zu lesen“. Denn dazwischen liegt eine besondere Familiengeschichte. Ein im Prinzip wunderbarer Roman, dessen einzige Schwäche ist, dass man ihn vielleicht noch einmal Korrektur lesen hätte sollen, dass er eben einfach eine Spur zu früh publiziert wurde.
 
EVA MENASSE, VIENNA, Roman, Kiepenheuer & Witsch: 2005, ISBN 3-462-03465-0


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