DEM ICH HINTERHER IRGENDWER UND WIR LESER_INNEN MUNTER NOCH EINEN SCHRITT DAHINTER

AUTORIN: GABRIELE PETRICEK
REZENSION: Markus Köhle
Schon mal ziemlich unerreichbar in Sachen Originalität, der Titel: "Die Unerreichbarkeit von Innsbruck". Das ist eine Ansage, die einen sofort anspringt und einnimmt. Die Fragen aufwirft und schon wird der Grübelmotor angeworfen und man fragt sich: Welche Unerreichbarkeit wohl gemeint sein mag? Die Unerreichbarkeit der Lebensqualität im Inntal mit Nordkette da und Patscherkofel dort? Die Unerreichbarkeit der Sonnenstunden im Winter? Die Unerreichbarkeit des Mietpreisniveaus? Die Unerreichbarkeit der Vorstellung eines Grünen Bürgermeisters in einer anderen Landeshauptstadt? Die Unerreichbarkeit der Frau Hitt? Die Unerreichbarkeit der unerträglichen Leichtigkeit des Innsbrucker Lebensgefühls zwischen mediterran und alpin? Die Unerreichbarkeit der Buchhandlungsqualität und -dichte in der Innenstadt? Die Unerreichbarkeit des Bäckerei Poetry Slams (dienstältester Österreichs!)? Die Unerreichbarkeit der Anzahl von Zaha Hadid Bauwerken in der Stadt? Die Unerreichbarkeit des Olympische-Spiele-Status? Die Unerreichbarkeit, trotz all des Genannten, der Fraglichkeiten, der Fürs und Widers, die Stadt am Inn zum persönlichen Lebensmittelpunkt zu machen? Die Unerreichbarkeit der Möglichkeiten den Titel "Die Unerreichbarkeit von Innsbruck" zu deuten?

Literarisches Vollbad

Alles möglich. Alles offen. Alles soweit vorerst unklar. Aber dieser Himmel am Cover ist so ungetrübt, diese Gipfellandschaft so wohlig verschneit, dieser Titelschriftzug so sonnig gelb. Alles eine Einladung, die Unerreichbarkeit von Innsbruck zu prüfen. Das Buch nimmt einen freundlich auf und entlässt einen Stunden später wieder. Dazwischen hat man keine Zeit in Innsbruck, aber an vielen anderen Orten verbracht, aber vor allem in Literatur gebadet. "Die Unerreichbarkeit von Innsbruck" ist ein literarisches Vollbad mit diversen raffinierten Badesalzzusätzen. Sprachlich ist das Buch eine aufschlussreiche Berg- und Talfahrt, eine vergnügliche Rutschpartie, ein mutiges Gegen-den-Strom-Paddeln und ein bereitwilliges Versteigen im Gelände.

Inhaltlich muss frauman gar nicht mehr wissen als den Titel, den Untertitel, der da "Verfolgungsrituale" lautet und dass die Unerreichbarkeit eine in acht Stufen ist. Erster Schritt: Da folgt wer Fährten. Da liest wer Spuren und Menschen. Da ist der Grat zum Stalken schmal. Und nächste Stufe. Jetzt wird der Spieß umgedreht, der Plot abgedrehter und der schwarze Humor dicker aufgetragen. Eine Einladung den nächsten Schritt zu machen und auf das Gemachte der Erzählung hingewiesen zu werden. "Ich sammle Erzählgut", heißt es und dieses wird dann in bekömmlichen Dosen in die Gesamtgeschichte eingestreut, welche wiederum von Kreuzworträtsel-Lösungswort-Sätzen munter mehr zusammengeschnurrt als -geschnürt wird.

Schönes Verlaufen

Verwirrt? Gut so. Entwirrung ist nicht intendiert. Verlaufen kann etwas Schönes sein. Schweinenieren können etwas Gutes sein. Intertextualität ist immer mehr als ein Ratespiel. Und gute Literatur darf gerne in alle Richtungen übertreiben, um nie in Innsbruck anzukommen, aber im Höllenzug nach Melk donnern. Interessiert? Gut so. "Die Unerreichbarkeit von Innsbruck" ist eine abenteuerliche Lesereise, die nirgends konkret ankommen will, deren Ziel der Weg ist und deren Weg ein gut mit Phantasie gepflasterter Pfad ist, ein Kopfsteinpflasterpfad, der sich in Hirne hämmern will und dabei Literaturareale erreicht, die viel zu selten beschritten werden. Zufrieden? Mehr als das. Entführt in die Unerreichbarkeit von Innsbruck.

GABRIELE PETRICEK. DIE UNERREICHBARKEIT VON INNSBRUCK. Sonderzahl. 2018. ISBN 978-3-854-49492-8


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