STROM

AUTOR: ROBERT PROSSER
REZENSION: KATHRIN KUNA
Wie oft bringen wir uns in Situationen, die wir neu und spannend finden, auf Dauer aber nicht leben können? Wie viel wollen wir uns zumuten? Wieso? Wo setzen wir unsere Grenzen? Wo werden uns Grenzen gesetzt? Welche Grenzen in uns müssen wir überschreiten, um Entscheidendes zu erreichen? Welche geografischen Grenzen helfen beim Überschreiten unserer eigenen? Wie können wir unsere Erinnerungen verwalten? Welche Erinnerungen behalten?

Das erste Kapitel trägt die Überschrift Tollwut. Es handelt sich um eine Form der Tollwut, gegen die bisher kein Impfstoff gefunden wurde - wie erleichternd! Der Ich-Erzähler ist von einer seiner Reisen zurückgekehrt und kämpft mit dem Ankommen. Oder man sollte vielleicht besser sagen: Er kämpft mit dem Zurückkehren. Anscheinend gibt es da auch noch eine Frau in seinem Leben. Ganz genau weiß man das aber nicht. Sie wird nicht greifbar. (Ist es nur eine Frau?) Es ist nicht völlig klar, ob sie nur mehr als Gespenst der Vergangenheit oder als reale, aber bis zu einem gewissen Grad unerreichbare Gestalt in seinem Leben vorhanden ist. (Ist sie, ist ihr Körper nur Projektionsfläche? Die Sehnsucht nach ihr scheint unbeschreiblich.) Zwar richtet der Ich-Erzähler Worte und Gedanken an sie, die Reaktion bleibt aber aus. Das Du antwortet nie.

Nur gestoßen, nie verjagt

Ausufernde Prosa. Dies ist nicht nur der Untertitel, sondern in der Tat die treffendste Beschreibung für den Erzählstil, den Robert Prosser in seinem Romandebüt verwendet. Erinnerungen verschwimmen mit logischen Gedanken, gehen über in emotionale Wellenbewegungen, die sich von einem Hauch Mystik an einen Strand tragen lassen - immer wieder an einen anderen, neuen Teil des Ufers. Es wird beschrieben, zitiert, erzählt, erläutert, mit Worten gezeichnet, mit Klängen gemalt, mit Ideen gespielt, paraphrasiert, formuliert, extrahiert, subjektiviert, selten objektiviert. Der Leser wird nicht mit erzwungenen Allgemeinheiten zu oberflächlicher Empathie verführt. Man wird durch zuweilen irritierende Bilder vor den Kopf gestoßen - wie erfrischend! - aber nie verjagt. Wir werden in eine andere Welt entführt. Die Welt des Ich-Erzählers, die Welt des Autors. Gedankengebäude gefüllt mit Erinnerungen aus der Kindheit im Tiroler Bergdorf und Erlebnissen der letzten Reisen werden mit Metaphern der Vergänglichkeit, angetrieben durch Wut und Liebe, ausgekehrt und durchgefegt, um den einzelnen Räumen danach mit fetten Pinselstrichen voll Lebendigkeit einen neuen Anstrich zu verpassen.

Die Ambivalenz als lebenstreibende Kraft wurde selten sprachlich und inhaltlich gleichermaßen vollkommen in einem deutschsprachigen Romandebüt der letzten Jahre dargestellt. Überwältigt von der Sprachgewalt und der Kraft der Erzählung könnte man sich zu pathetischen Äußerungen hinreißen lassen. Etwa: Robert Prosser kratzt an der Essenz unseres Daseins. Er rollt sein eigenes Leben und seine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem Erwachsenwerden, dem Verlassen und Verlassen-Werden literarisch vor uns auf. Er kennt seine Grenzen, er hat seine Möglichkeiten erkannt und nutzt sie bedingungslos. Nichts wirkt erzwungen, nichts klingt gekünstelt. Die Archetypen unserer Kultur scheinen seine besten Freunde zu sein. Die Ängste unseres Daseins sowie die pure Lust am Leben wechseln einander nicht ab, sie sind eins.

Mitmachen, mitschwimmen

Raben werden weiß gewaschen beim Regenguss, der das Begräbnis des Großvaters verhindert. Der Tod hat das schönste Gesicht, als er sich auf dem Großvater niederlässt, den man aus der Stube durch ein Trauernetz aus Weinen nach unten trägt. Die Bildhaftigkeit der Sprache, die Intensität der erzählten Momente, lassen uns das Schwarz von den Federn tropfen sehen und die tränenbefeuchteten Holztreppen im Bauernhaus riechen. Diesen Roman zu lesen ist ein Ganzkörpererlebnis. Ein Ereignis!

Prosser gibt eine kleine Einführung in seinen Kosmos, in den Lebensrhythmus seines Ich-Erzählers. Von Indien nach Marokko innerhalb von zwei Seiten - fast innerhalb eines einzigen Satzes. Die Interpunktion des Romans ist sowieso ein eigenes Kapitel. Es gibt Absätze, aber selten enden Sätze, wo ein Absatz aufhört - und demgemäß beginnen selten dort neue Sätze, wo ein neuer Absatz anfängt. Man soll sich nirgends anhalten können, man soll mitmachen, mitschwimmen - mitunter kann man sich auch treiben lassen. Kommt darauf an, wie trainiert man im Bereich der holistischen Lebenserfahrungen ist. Spätestens ab Seite 16 geht es ab! Wer den Autor von Lesebühnen oder Poetry Slams kennt, sieht seine leuchtenden Augen und hört ihn förmlich rufen: "Hey, auf, auf! Los geht's!"

Ende eines geregelten Lebens

Auf allen Sinnesebenen werden wir angesprochen. Der Leser wurde auf den ersten Seiten sensibilisiert, jetzt werden seine Reize überflutet, Sinneseindrücke sprachlich kombiniert:

Wespen im Zimmer [HÖREN] dorthin verirrt im Bannkreis des Baumes vorm Fenster [SEHEN], und der Duft des reifen Obstes [RIECHEN] füllt das Zimmer ebenso wie Erinnerungen an die letzte Reise [ERINNERN], einen kleinen Stachel Skorpionstachel noch im Fleisch [FÜHLEN], so fühlt es sich an während der ersten paar Tage inmitten der Familie und der Handvoll Jugendfreunde in Schweigen [HÖREN] gehüllt, vielleicht in ein warmes Grün [FÜHLEN / SEHEN], passend zum Sommer vorm Fenster und zu den Früchten, schon fast verfault [RIECHEN / SCHMECKEN]. Also Fallobst [SCHMECKEN / RIECHEN / HÖREN], Schweigen [HÖREN] und Warten mit großen Augen [SEHEN], da diese noch an der Fremde heften [ERINNERN], kleine Blutegelwunden [FÜHLEN] hinterlassen, und es ist erstaunlich, wie während dieser ersten Tage vor allem Einzelheiten Bedeutung erlangen, etwa die Lichtverhältnisse im Zimmer [SEHEN], auf Boden und Tisch, oder die kleine Gefahr eines Wespenflugs [SEHEN / HÖREN], als wär man in lochrunde pure Konzentration gefallen [FÜHLEN], schwarz [SEHEN], aber irgendwie glücklich nach all diesen Erlebnissen, (…)

Fazit: Auf! Auf, also! Rein in den Strom, rauf auf die Rabenschwingen, von schwarzgefiederten Seelenzuständen in Gedanken davontragen lassen, und immer volle Kraft voraus Richtung Ende eines geregelten Lebens.

ROBERT PROSSER. STROM. Ausufernde Prosa, Klever Verlag, 2009, ISBN 978-3-902665-13-3


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