SCHLAFSANDBURGEN STÜRZEN

AUTOR: MARCEL MAAS
Rezension von Markus Köhle
"Prokrastiniert euch" ist ein Imperativ, mit dem es sich leben lässt. "Prokrastiniert euch" ist eine Befehlsform, die zur Befehlsverweigerung einlädt. Laut Definition ist die Prokrastination die Verschiebung von anstehenden Tätigkeiten. In den Gedichten von Marcel Maas geht es mehr um Zeit- und Sprachgebrauchs-Verschiebungen um das Hervorkehren von verstaubt geglaubten Erinnerungsräumen und Kehrseiten der scheinbar glänzenden Gegenwarts-Medaille. Marcel Maas (*1987) studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste, Mitgründer der literarischen Boygroup "Text, Drugs und Rock 'n' Roll" und Co-Kurator des Literaturfestivals Prosanova, 2010 erschien sein Prosadebüt "Play. Repeat. Ein Prosa-Set." und nun sein erster Lyrikband. Der Band besteht aus drei Teilen: In "Rüsten zur Jagd" (1) tapst ein lyrisches Ich traumverloren durch Erinnerungsräume, stößt auf Ungereimtes und auf ungewöhnliche aber eindringliche Bilder wie "mutters strichcode umstellt unser frühstück" (S. 21) oder: "ein paar krampfadern geben wir rum / wenn man reinhört klingt es wie trotz" (S. 26). Der Erinnerungsraum wird abgesteckt: "ein strahl abgesehener vergangenheitsformen markiert spielfeldrand und inselbühne" (S. 14)

Kratzen im Marshmallowteig

Trotz der Verschrobenheit funktionieren die Bilder. In der "bürgerung" begegnen wir einem Mädchen und in Verbindung damit klappt der Satz: "seit ferienende kratzt es im marshmallowteig" (S. 12) gleich ein ganzes Spektrum von tollwütig-pubertärer Sommerferienromanzen auf. "Zu lügen zu schlafen und rüsten zur jagd" heißt es im titelgebenden Gedicht des 1. Teils. Da werden "instinkte im brustton geträumt" und da bekennt das lyrische Ich freimütig: "ich habe schon katzen und fische vertauscht." (S. 13). Hier wird die Verschiebung evident und verleiht den Gedichten auch eine sympathisch komische Note. Maas befreit festgefahrene sprachliche Wendungen und arrangiert sie fröhlich neu.

Wenig später taucht auch schon das generalisierende "wir" auf: "das war als sie die zimmer gedreht hatte und wir unters bett gerollte themenparks wieder fanden" (S. 15) und es wird selbstbewusst melancholisch "all jener ungekämmten tage" gedacht (S. 18), ohne aber darauf zu vergessen, dass die Augen "vom blinzeln" mitunter gescheuert, vom Staub getrübt und vom Licht geschunden wurden. Überhaupt das Licht: "als wär's mein offener bruch, dieses licht" (S.14) Haus, Schlaf, Spur, Vater, Mutter, Mädchen, Licht sind die dominierenden Nomen des ersten Abschnitts, im zweiten ändert sich das.

Auftritt des Imperativs

Der zweite Teil heißt: "ein guter bekannter ist gerade keiner community beigetreten". Jetzt hat der Imperativ seinen Auftritt und zwar einen selbstironischen und textreflexiven. "dieses gedicht setzt einen herrscher ein" (S. 35), heißt es da und vier Seiten weiter: "ich lasse den background schwingen / die eine. wichtige. zeile kommt." Aus den Mädchen sind Frauen geworden, die Spiele und Strategien haben sich geändert: "zerlegene betten und die mittel und wege der lüge" Was das Haus war, ist jetzt die Stadt und die besteht halb aus Winter und Bahnhof und aus Wald, Wiese und Umwelt wird das alles umfassende Netz. "und wir verwandeln uns in männer, die zuparken" (S. 64)

Der dritte Teil ("Parade und Parcours") besteht aus zehn Gedichten in denen auch großgeschrieben und interpunktiert und intern variiert wird. Hier nun der Aufruf: "Prokrastinier dich, bau die Scheune aus" (S. 71), denn die "Zeit sei ein vager Parcours" heißt es da und weiter: "Nimm dir freie Hand", "Erbringe den Zufall", "Nimm dir vor, zurück in die Verfolgung zu gehen". Nach der Vergangenheitsbetrachtung im ersten und der Gegenwartsanalyse im zweiten Teil erfolgt im dritten der Aufruf zur Verweigerung des Erwarteten. Zur Veränderung der Gegenwart und besseren Gestaltung der Zukunft wird das zwar nicht reichen. Aber das wäre ja auch zu viel verlangt von einem Lyrikban. "etwas rundes war früher oft ein keks", steht in "raubzug und kodex" geschrieben. Die Gedichte von Marcel Maas haben - wie auch die grafischen Arbeiten von Jan Paul Evers im Buch - Ecken und Kanten, Licht- und Schattenseiten und das ist gut so und ergibt in Summe auch wieder eine runde Sache.

MARCEL MAAS. PROKRASTINIERT EUCH. Frankfurter Verlagsanstalt. 2013. ISBN 978-3-627-00200-8


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