VON TRÄUMEN BLIEB NUR EINE ORANGE COUCH

AUTORIN: TANJA RAICH
REZENSION: Markus Köhle
"Zugegeben, man müsste ihn gelesen haben, um ein abschließendes Urteil zu bilden", schreibt ein hier nicht namentlich erwähnter Poster im Standard Forum. Über 200 Kommentare gab es zu diesem Zeitpunkt schon über den Roman "Jesolo" von Tanja Raich. Tanja Raich hat sie alle gelesen, erzählt sie mir im Gespräch. Ich hab dafür ihr Buch gelesen und nur diesen einen Post. Tanja Raich hat ja schon viele Bücher gemacht. Jetzt hat sie ihr erstes geschrieben. Als Leiterin des belletristischen Programms von Kremayr & Scheriau sorgt sie seit 2015 dafür, dass unverkennbar schöne Bücher die Literaturlandschaft bereichern. Als Autorin sorgt sie mit "Jesolo" dafür, dass die Geschichte von Andi und Georg wahrgenommen wird. Eine Geschichte, in der die Selbstaufgabe für ein Wir beschrieben wird. Eine Geschichte, die gelesen gehört.

Alles beginnt in Jesolo (Kapitel 0). Andrea und Georg machen Urlaub wie jedes Jahr. Tanja Raich empfiehlt "Coco Bello" von "Der Nino aus Wien" als Soundtrack dazu, ich füge noch "Lignano" von "Von Seiten der Gemeinde" hinzu. Es ist ein wenig Sand im Beziehungsgetriebe aber an sich alles wie immer. An sich fühlt sich Andrea frei und behält sich einige Türen offen. Wöchentlich schlafen sie dreimal bei ihr und viermal bei ihm. Sie hat noch Träume und genießt ihren Lebenswandel, nur diesmal kommt sie schwanger aus dem Urlaub zurück und sukzessive ändert sich in den folgenden neun Monaten alles (Kapitel 1-9).

Möbelhaus statt After-Work-Drinks

Andrea wird von der Flut des Vorgezeichneten überschwappt. Frei, selbstbewusst und gleichberechtigt war vorher. Jetzt ist Schwangerschaft. Die Rollenbildfalle schnappt zu, das alte System greift und jeder Kompromiss geht auf Kosten der Frau. Kinder waren nie ein Thema, abtreiben ist es aber auch nicht. Jetzt gilt es Entscheidungen zu treffen: vermeintliche Sicherheit gegen gelebte Freiheit; gemeinsamer Kredit statt getrennte Wohnungen; und anstatt eines After-Work-Drinks mit Arbeitskolleginnen mit der Schwiegermutter ins Möbelhaus. Ein Kompromiss jagt den nächsten (lediglich das Wunschsofa erkämpft sie sich). Georg ist überglücklich und Andrea wird überrannt. Georg geht im Nestbau auf und Andrea unter. Die Freundinnen und Freunde sind keine Hilfe, die haben ihre Leben auch schon in Reih und Glied gebracht.

Es folgt ein Hineinschlittern in das patriarchale System. Schluss mit Aus-der-Reihe-Tanzen - jetzt ist die von Umfeld, Eltern und Georg fleißig untermauerte Gleichschaltung Programm und Andreas Wünsche bleiben auf der Strecke. Dafür gibt es von allen Seiten Ratschläge wie Faustwatschen. Mann und Frau nähern sich - so schnell kannst gar nicht schau'n - dem dörflichen Ideal und Lebensziel: Haus, Kind, 2 Autos (bzw. Kredit, Kredit, Kredit und Sonntags-Kaffee-und-Kuchen bei den Schwiegereltern). Ein, in politisch schwer konservativen Zeiten wie diesen, wertvoller Debüt-Roman, der vorführt, was in Punkto Reproduktion und Lebensplangestaltung leider noch immer gang und gäbe ist. Ein überzeugendes Debüt.

TANJA RAICH. JESOLO. Blessing Verlag. 2019. ISBN: 978-3-89667-644-3


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