HERR KATO SPIELT FAMILIE

AUTOR: FLORJAN LIPUŠ
REZENSION: Martin Heidl
"Endlich Zeit. Er könnte nun das alte Radio reparieren oder die Plattensammlung ordnen. Doch als er der jungen Mie begegnet, die ihm ein seltsames Angebot macht, beginnt er die Dinge anders zu sehen. Ein zarter Roman über einen späten Neuanfang und über das Glück. Die Tage dehnen sich und zugleich schnurrt die Zeit zusammen. Die Uhr läuft ab, dabei könnte es gerade erst losgehen. Ob ein kleiner weißer Spitz daran etwas ändern würde?

Den ehemaligen Kollegen hat er immer beneidet. Um den Ruhestand, das Motorrad und die neue Freiheit. Doch jetzt steht er selbst frisch verrentet auf den bemoosten Treppen vor seinem Haus und weiß nicht wohin. Eine Krawatte braucht er nicht mehr, zu Hause ist er im Weg, die Kinder sind längst ausgezogen. Ob die junge Frau, die er jüngst auf dem Friedhof getroffen hat, ihm nur etwas vormacht, vermag er nicht zu sagen. Er ist aus der Übung. Und dennoch nimmt er ihren Vorschlag an, lässt sich von ihrer Agentur "Happy Family" mal als Opa, mal als Exmann, dann wieder als Vorgesetzter engagieren und trifft auf fremde Menschen und Schicksale. Er spielt seine Rollen gut, und seine Frau bekommt von alledem nichts mit. Sie hat wieder angefangen zu tanzen ..."

Im Spiel Leben finden

Zuerst fällt mir bei der Lektüre unter einem Kirschenbaum beim Heurigen in Engelsdorf bei Eggenburg (was für ein friedlicher Name für einen Ort und er wirkt auch so auf mich) "Ich spiele Leben" ein. So der Titel eines Liedes von Hansi Lang aus den frühen Achtzigern, der zu früh verstorbenen Ikone der Wiener Musikwelt, aus dem Album "Der Taucher"; "Willst du was erleben, dann mußt du verstehen", genau das macht Herr Kato. Er taucht ein in ein Spiel und erlebt ein Leben, so wie es auch hätte sein können, aber nie wahr war. Auf Seite 8 lesen wir: "... gerade morgens nicht, wenn er die Augen aufschlägt, dass dann die Sinnlosigkeit auf seinen Brustkorb drückt. Oder ist das normal?"

Die Autorin, die zuletzt, ebenfalls schon bei Wagenbach, mit dem Roman "Man nannte ihn Krawatte" (unbedingt lesenswert) aufzeigte; damals mit dem Thema der Arbeitslosigkeit und der Sinnsuche im Alltag. Und Sie beweist wieder ihre Einfühlsamkeit in einer bildreichen Sprache und ihren Sanftmut beim Schildern eines Lebensabschnittes des Protagonisten; wobei die Umstände nicht wirklich sanftmütig erscheinen, sondern zutiefst traurig und sinnentleert daherkommen. Diesmal geht's nicht um die Zeit der Erwerbsarbeit, sondern um die Zeit danach, wo einem eigentlich alles offen steht und möglich sein sollte.

Eine Entdeckungsreise in das Leben der Familie Kato, die dann in eine neue Anderswelt durch das "Spiel" geleitet wird und das System Familie sich neu erfinden kann. Erst im Spiel des Lebens passiert Leben. Eine Hoffnung?

Gelassen das Banale aussprechen

Sie spricht das gelassen aus, was oftmals zu banal ist, zu einfach erscheint und demnach nicht gesagt wird, nicht angedacht wird und schon gar nicht genau hingesehen wird. Womöglich aus Angst davor, dass es wahr ist.

Wir gehen als Leserschaft durch das RHS - Retired-Husband-Syndrom; eine Form der psychischen Erkrankung der Frau, die eintritt, sobald ihr Mann in Rente gegangen ist.Loriot läßt grüßen aus seinem Film "Pappa ante portas" aus dem Jahre 1991, wo diesem Thema bereits ein amüsanter Spielfilm gewidmet wurde.

Nichts Neues also ... und doch sind die handelnden Figuren bei Flašar sorgsam in Szene gesetzt und verständnisvoll beschrieben; wie es der Zufall so will, lernt Herr Kato eben am Friedhof das Leben kennen, in Form der Schauspielerin (ist sie wirklich eine?) Mie: "Wir helfen Menschen dabei, sich zugehörig zu fühlen. Die Grundlage von Glück".

Charmante hingeworfene Sätze

Und dem ist auch nichts hinzuzufügen. Diese kurzen, scheinbar hingeworfenen Sätze machen den Charme des Buches aus und verführen zum Leben hin, mit vorgehaltenem Spiegel verziert und genug Raum lassend, um eigene Gedankenwelten fließen zu lassen.
Nur auf Seite 162 dann doch eine Enttäuschung: "Es ist gut wie es ist". Die geplante Paris-Reise als Höhepunkt der Traumideen entpuppt sich als zahnloser Reiseversuch mit zahlreichen Reiseführern garniert, ungelebt und irreal.

Alles nur eine Vorstellung; ein Konstrukt? Ich hoffe nicht; das wäre schade (jetzt mal für mein eigenes Leben). Ein märchenhaft romantisches Ende hätte ich mir irgendwie erhofft, doch dieses Klischee bedient die Autorin nicht und sie tut gut daran.

MILENA MICHIKO FLAŠAR. HERR KATO SPIELT FAMILIE. Verlag Klaus Wagenbach. 2018. ISBN 978-3-8031-3292-5


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