DISKURS- UND PRÜGELPROSA

AUTOR: JAN OFF
REZENSION: Markus Köhle
Dieses Buch passt zum Thema dieser Nummer wie kaum ein anderes. Lange kein Buch mehr gelesen, in dem so viel getrunken wird. Selten ein Buch gelesen, in dem so gut über die guten und schlechten Seiten des Trinkens geschrieben wird. Jan Off weiß wovon er schreibt (das weiß ich aus gemeinsamen Lesungen und sogenannten Vor- und Nachbesprechungen). Jan Off ist ein Nachtschattengewächs. Jan Off ist aber keine Kartoffel. Jan Off ist eher Fleisch: nackt, roh, blutig, fein filetiert und in Schnapsmarinade eingelegt. Jan Off ist eine Marke. Jan Off ist die andere Seite des Literaturbetriebs. Jan Off steht für Punk, Trash, Drogen und keine Kompromisse. Jan Off hält, was sein Ruf verspricht. Jan Off bleibt sich selbst immer treu, variiert aber die Themen seiner Romane. Freilich bleiben Drogen eine verlässliche Konstante, aber nachdem er sich im letzten Roman "Unzucht" ausgiebig dem literarischen Porno hingegeben hatte, beschäftigte er sich im 2012 im Ventil-Verlag erschienenen Roman "Happy Endstadium" mit der Linken.

Jan ist der beste Freund des Ich-Erzählers und zieht in eine WG ein. Hervorragend ist Mitbewohnerin Julia und als der Erzähler die erstmals zu Gesicht kriegt, ist es um ihn geschehen. Er will auch in diese WG, um jeden Preis, und sei es, er müsste kriminell werden, um an diese Julia ran zu kommen. Diese Julia hat die Kraft, Fleischfresser und Taugenichtse kurzzeitig zu veganen Arbeiterbienen zu machen. Ein Zimmer wird frei, die Aufnahmeprüfung gemeistert und die erste Aktion zwar ordentlich vergeigt, aber es besteht dennoch berechtigte Hoffnung, da das biertreue Ich die Mitbewohner-Waschlappen Kleingeld, Lasse und Jan nicht als Konkurrenz ansieht. Aber erst wird mal demonstriert, geplaudert, gepudert, geprügelt und am Manifest (welchen Inhalts sei hier nicht verraten) herum geklügelt. Ein Hund verschwindet, ein Bandenkrieg entflammt und wird im Sonnenstudiokeller wieder gelöscht, ein Plan wird geschmiedet und immer fleißig den Drogen zugesprochen.

Universaldealer und Nachtwächter-Wrack

Auf einmal ist der Erzähler der nüchternste und alle anderen im Dauerrausch. Auf einmal ist es dem anfänglich zögerlichen Ich wichtig, den Gaga-Plan durchzuziehen (um so endlich die Gunst Julias zu gewinnen) und zur Planumsetzung ist man gleich auf mehrere Freaks angewiesen. Chemie Student Hartmut, Rupert, der Universaldealer und Bernie, das Nachtwächter-Wrack mit sprachlicher Eigenart. Das ist natürlich Stoff für zahlreiche Rauschaktionen und endlos skurrile Episoden. Dass das Ganze (der Plan, nicht das Buch) in die Hose gehen muss, ist unübersehbar.

Exemplarisch für Offs Erzähl- und Herangehensweise an den Stoff ist das Kapitel mit Kleingeld und dem Erzähler auf dem Weg in die Pampa zur Warenübergabe (welche Ware wird hier natürlich nicht verraten) mit diversen Unfällen und Schwierigkeiten zu lesen.

Die Stärke von Jan Offs Prosa liegt auf der sprachlichen Seite. Diese Sätze haben Kraft und langen Atem. Die Wortwahl ist originell und gerne drastisch, der generelle Duktus allerdings bewusst antiquiert. Dieser permanente Bruch hat Charme und von vornherein einen eigenen Witz. Die Dialoge überzeugen ebenfalls (auch über lange Strecken). Denn natürlich wird viel gequatscht in dieser WG, die Linke redet noch immer gern und viel, viel mehr, als dass sie handelt. Die Linke, bzw. diese linke WG, kommt nicht sehr gut weg in "Happy Endstadium". Aber kaum jemand mit WG-Erfahrung wird leugnen, derartige Figuren kennengelernt und mitunter ähnliche Ideen gewälzt zu haben. Auch wenn sich einige gelegte Spuren im Sand verlaufen und der Undercovermann etwas durchsichtig angelegt ist, ist "Happy Endstadium" in Summe ein solider Off-Roman, der unterhält und - wie eingangs angekündigt - hält, was er verspricht.

JAN OFF. HAPPY ENDSTADIUM. Ventil Verlag. 2012. ISBN 978-3-931555-36-8


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