FREMDE SEELE, DUNKLER WALD

AUTOR: REINHARD KAISER-MÜHLECKER
Rezension von Martin Heidl
Der Roman "Fremde Seele, dunkler Wald" (2016), der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde, erzählt die Geschichte zweier Brüder und ihrer Heimat in Oberösterreich - ein mit biblischer Wucht erzählter Roman um Missverständnisse, Tötungen, Familientragödien und Befreiungsversuche.

Alexander kehrt von seinem Auslandseinsatz als Soldat internationaler Truppen in die Heimat zurück. Seine Unruhe treibt ihn bald wieder fort. Sein jüngerer Bruder Jakob führt unterdessen den elterlichen Hof. Als sich sein Freund aufhängt, wird Jakob die Schuldgefühle nicht mehr los. Der Vater fabuliert von phantastischen Geschäftsideen, während er heimlich Stück für Stück des Ackerlandes verkaufen muss. Mit großer poetischer Ruhe und Kraft erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker von den Menschen, die durch Verwandtschaft, Gerede, Mord und religiöse Sehnsüchte aneinander gebunden sind. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die dieser Welt zu entkommen versuchen - eine zeitlose und berührende Geschichte von zwei Menschen, die nach Rettung suchen.

Die Handlungsfäden, aufgespannt wie ein Spinnennetz, alles ist mit allem verwoben, umgarnen die Brüder Alexander und Jakob in ihrem Bestreben aus dem Leben "etwas" zu machen. Ein Ausbruch aus der dörflichen familiären Enge wird von beiden versucht und gelingt bedingt, da durch die Verbundenheit mit der "Heimat" die Fäden sich zwar ausdehnen, doch nie auseinanderreißen und durchtrennbar sind.

Kein Wohlfühlbuch

Der Titel, das "Eröffnungszitat" von Iwan Turgenjew -"Du weißt ja, eine fremde Seele ist wie ein dunkler Wald" - lässt bereits anklingen, was die LeserInnenschaft zu erwarten hat. Es ist kein Wohlfühlbuch, das man(n)/frau so nebenher liest, sondern ein Familienroman, der unter die Haut geht und so manch Frage der eigenen Befindlichkeit zum Schwingen bringen kann und zum Hinschauen in die eigene Geschichte anregt. Das Titelbild, wo der Wald zwar nicht wirklich "dunkel" wirkt, dazwischen das endlose Weiß, aufgespannt wie das Nichts, und auf dem Kopf stehend, weist darauf hin, wie sich die Welt derzeit anfühlt.

Die beiden Brüder auf der Suche nach sich selbst, dem Sinn in ihrem Leben, dem Aufgehoben sein in einem sich ständig verändernden Alltag; auf der Suche nach ihrem "Platz", der "daheim" auf dem Bauernhof nicht sein kann; zusätzlich das Eingebettet sein in die katholische dörfliche Idylle der Nachkriegszeit, die ihre Fäden ebenso weiterspannt und -spinnt.

Bundesheer?

Dass letztendlich das Bundesheer das Auffangbecken wird und werden kann, lässt einen ratlos zurück - also mich zumindest - und ist noch dazu aus der Geschichte der Brüder gut nachvollziehbar und verständlich und sogar ein Hoffnungsschimmer auf Linderung.

Liebe. Hoffnung. Zuversicht. Geborgenheit. Das wäre schön, doch ...
"Die Sonne gleißte, ohne zu wärmen, und die Dinge warfen lange, schmale Schatten. Er durchquerte Dorf um Dorf. Von Zeit zu Zeit hielt er an und betrachtete ein Haus, das ihm gefiel."

Ein Traum bleibt:
"Er träumte von einem Wald, der weit entfernt war, auf einmal aber immer näher kam, und als er so nah war, dass man die einzelnen Bäume am Saum nicht mehr nur den Umrissen nach, sondern ganz deutlich ausmachen konnte, stieg aus seiner Mitte sehr langsam, fast zögerlich, ein Heißluftballon auf, und wenig darauf noch einer, und dann noch einer und immer noch einer, bis sie schließlich zu Stufen wurden, die vielfarbig in den hohen hellblauen Himmel führten."

Bitte unbedingt lesen.

REINHARD KAISER-MÜHLECKER. FREMDE SEELE, DUNKLER WALD. Roman. Fischer-Verlag 2016. ISBN 978-3-10-002428-2.


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