FLIEGENPILZE
AUS KORK

AUTORIN: MARIE LUISE LEHNER
REZENSION: Wolfgang Kühn
Seit einigen Jahren betreibt der etablierte Wiener Verlag Kremayr & Scheriau eine ambitionierte Programmschiene für jüngere Literatur. Autorinnen wie Marianne Jungmaier ("Das Tortenprotokoll") oder Petra Piuk ("Lucy fliegt") konnten dadurch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Mit der 1995 geborenen und in Wien und Linz lebenden Marie Luise Lehner präsentiert der Verlag nun eine weitere vielversprechende Autorin.

"Fliegenpilze aus Kork" nennt sich ihr Debütroman, der - wie die Presseinformation des Verlages ankündigt - "Bruchstücke einer Wiener Kindheit" präsentiert. Und genauso ist der Roman auch angelegt, eher bruchstückartig und episodenhaft. Alles andere würde den Rahmen dieses 190-Seiten Buches auch sprengen, erzählt der Roman doch die ersten zwanzig Jahre im Leben einer Frau und da vornehmlich die Beziehung zu ihrem Vater.

Elektriker Lehrer Bildhauer

Die einzelnen Kapitel sind mit "Eins werden", "Zwei werden", usw. betitelt, dazwischen schummeln sich "Geboren werden", "Sterben" und "Erwachsen werden". Der Vater der Ich-Erzählerin ist kein gewöhnlicher Vater, er ist Elektriker, Schlosser, Beleuchtungstechniker, Waldorflehrer, Altenpfleger, Behindertenbetreuer, Bildhauer, Tischler und Maler. Er hat viele Ausbildungen angefangen und abgeschlossen, aber selten eine regelmäßige Arbeit. Kindheit und Jugend der Protagonistin sind geprägt von Überraschungen und ungewöhnlichen Erlebnissen. Und trotz dieser augenscheinlichen Planlosigkeit, diesem Gefühl der Andersartigkeit und dem Fehlen eines Aufwachsens in geordneten Bahnen klingt nie Bitterkeit durch, werden keine Vorwürfe erhoben, wird über den Vater nicht der Stab gebrochen.

Sektkorken sammeln

"Eine Kindheit voller Hoffnungen, Enttäuschungen und Träume. Ein berührender Roman über Verantwortung und Vertrauen", so die Verlagsinfo am Buchdeckel. Der Buchtitel "Fliegenpilze aus Kork" leitet sich aus der Gewohnheit des Vaters her, am Neujahrsmorgen am Wilhelminenberg die Sektkorken aus der Silvesternacht zu sammeln und deren Köpfe rot mit weißen Tupfen zu bemalen. Die so entstandenen "Fliegenpilze aus Kork" hat er dann allen Menschen, die ihm in den kommenden Tagen begegnet sind, als Glücksbringer fürs neue Jahr geschenkt.

Marie Luise Lehner hat mit "Fliegenpilze aus Kork" einen leicht zu lesenden Debütroman mit viel Tiefgang abgeliefert. Der Leser beneidet die Ich-Erzählerin um so manches verrückte Erlebnis ebenso wie er bisweilen froh ist, nicht in ihrer Haut stecken zu müssen.

Man darf sich nach der Lektüre dieses Buches auf zweierlei Dinge freuen - erstens, was von dieser Autorin noch kommen mag und zweitens, welches Talent der Verlag als nächstes aus dem Hut zaubern wird.

MARIE LUISE LEHNER. FLIEGENPILZE AUS KORK. Kremayr & Scheriau. Wien. 2017. ISBN 978-3-218-01067-2


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