DIE ARBEIT DER NACHT

AUTOR: THOMAS GLAVINIC
REZENSION: ERIKA WURZENRAINER
Ich war nicht in der angenehmen Lage unbefangen an jenen Roman heranzugehen, da der Besitz auf jenem Irrtum beruhte, es mit einem anderen mich vermeintlich mehr zu fesseln imstande seienden Buch verwechselt zu haben.

Ähnlich dem wie manche Menschen wissen, dass sie alles wissen, ähnlich wie manche Menschen glauben, dass sie nichts wissen, so bin ich der Erkenntnis verfallen zu wissen, dass ich mich irren kann. Siehe da, ich habe wieder einmal Recht.

Jemand wacht auf und ist allein. Jemand steht auf und ist allein. Jemand geht auf die Strasse, geht zum Bus. Jemand sieht sich um, jemand hört sich um. Jemand ist noch da während alle anderen weg sind. Spontan würden wir sagen Herrlich! und wir würden sagen Wunderbar! Recht würden wir haben, bis vielleicht drei Stunden vergangen sind und dann würde jede/r von uns sein eigenes Buch darüber schreiben müssen.

Denn es dauert nicht lange bis jemand seine Freundin vermisst, seine Bekannten und bald darauf schon jeden, der nicht hier ist.

Der Gedanke, mit dem Auto allein auf der Strasse fahren zu dürfen, mitten in der Stadt und endlich einmal so langsam wie ich will. Allüberall sein eigenes Vehikel, oder das eines anderen, der den Schlüssel stecken ließ, zu parken. Ich stelle mir vor, wie ich zur Konditorei Zauner nach Bad Ischl fahre und zum Meinl am Graben mich genau vor den Eingang mit meinem selbst geklauten Spider parke und diese wahnsinnig bunte amerikanische (Verzeihung!) 250g Packung Kaudragees in X-Sorten einfach aus dem Regal nehme. Lauthals schreiend ?Ich habe sie gestohlen!" in meine Tasche, die ich kurz zuvor was weiß ich, bei Intersport in Kufstein aus dem Schaufenster, das ich eingeschlagen habe, an mich riss. Also ich machs, einen oder zwei Tage, oder sei es eine Woche, ich machs.

Aber unser Jemand hier ist kein Filmstar. Er ist eine ganz normale Romanfigur die naturgemäß nicht mehr weiß und dieses nicht schneller als der/die Leser/in.

Glavinic's Schreibstil ist schlank, ist sportlich und hält sich nicht mit Firlefanz auf, der schon Gesagtes noch unterstreichen und verdoppeln soll. Das ist seine Kunst: nicht von Nichts kommt nichts, sondern von wenig kommt viel.

Die Handlung klammert sich nicht an schon Erwähntes, sie geht zügig. Und das Schlimmstbeste: dieses Buch ist schrecklich, grauenhaft. Der Roman, den Glavinic verfasst hat, ist entsetzlich. Ein Szenario, in dem sämtliche Handlungen zwar irr, doch situationsadäquat scheinen, will man für gewöhnlich nicht in seinem Leben.

Das Buch hat mir Fesseln umgelegt, die andauernd eng gewesen sind und das ist großartig gewesen, das ist so grausig gewesen.         

Das Buch birgt Überraschungen, indem man nicht mit dem Herkömmlichen konfrontiert wird, was übrigens weniger fürchterlich wäre. Es tritt auch das vermeintlich zu Erwartende nicht wirklich ein. Wer dieses Buch liest, wird (vorübergehend?) zum Feigling, wer es nicht liest, ist schon einer.

Fazit: äußerst empfehlenswert.

THOMAS GLAVINIC, DIE ARBEIT DER NACHT, Hanser Verlag 2006, ISBN-10: 3-446-20762-7, ISBN-13: 978-3-446-20762-2



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