DEN WALD IN DER NÄHE. WILDSCHWEINE IM GARTEN. DAS IST LEBENSQUALITÄT

AUTORIN: SIMONE HIRTH
REZENSION: Markus Köhle
Der Titel und das floral-bunte Cover lösen automatisch Assoziationen aus. Das ist gut. Man kann an die Ferne Panamas oder die Warholesche Banane denken und ist somit bereits in einer Welt, die sich vom Alltag abhebt. Bananama ist der zweite Roman von Simone Hirth (ihr erster "Lied über die geeignete Stelle einer Notunterkunft" wurde an dieser Stelle auch schon besprochen). Bananama ist der Ort des Geschehens, ist das Eigenheim der Familie, um die sich alles dreht.

Bananama ist das Aussteigerreich im Aufbau mit Vater, Mutter und Kind und das Kind ist auch die Erzählerin. Eine 6jährige "Bio-Rapunzel", ein waches Kind, das sich beständig fragt, ob sie zum Aussteigen geboren ist, erzählt uns diese Geschichte, die einen sehr an Pläne von Freundinnen und Freunden (die wir wohl alle haben) erinnert, die sich vorgenommen haben, irgendwo am Land ihren Selbstversorgungstraum zu leben.

Der Vater und sein Komposthaufen

Die Eltern der Bananama-Prinzessin haben also einen Traum, einen Traum, aber keinen Plan. Der Vater hat ein Ziel, nicht die Revolution, denn die geht nicht alleine, aber die Unabhängigkeit. Der Vater verteufelt die Pharmaindustrie und Energieverschwendung und lobt gute, alte, robuste Handwerkskunst und die asiatische Lebensweise. Der Vater erzählt gerne Geschichten mit Moral am Schluss (die Geschichten der Erzählerin haben kein Ende, helfen aber beim Vergessen und beim Einschlafen). Der Vater spricht ein Hoch auf die einfachen Dinge aus und hat dem Komposthaufen viel zu geben.

Die Mutter bringt die Töpferscheibe in Bewegung und es nicht übers Herz, das eigene Obst und Gemüse zu verarbeiten. Der Vater besucht einen Schlachtkurs und die Tauschbörse. Die Mutter hat das Internet für sich entdeckt und bestellt lieber im Netz als ein Feld. Der Vater hat auch Sendungsbewusstsein und bringt seiner Tochter allerhand bei, er erzählt von der Bedeutung von Biosphärenparks und vom Bienensterben, von Permafrost und PEFC-Zentrifizierung. Die Tochter rekapituliert: "Als Aussteiger muss man eine Menge wissen und eine Menge nicht wissen."

Ich will endlich Bananen

Die Tochter agiert: Sie steckt die Wörter in Einmachgläser und beerdigt sie im Schatten des Walnussbaums. Sie packt auch gerne Dinge in den Wunschkoffer und wär' doch am liebsten einfach ein normales Mädchen, das zur Schule geht, Freundinnen hat und Schokolade essen darf. "Ich will keine Vielfalt. Ich will endlich einmal Bananen." Da helfen keine handgroßen Erdbeeren und auch keine Trost-Honig-Brote. Da wird ein Kindergeburtstag nicht nur zum großen Fressen sondern auch zum Highlight nicht nur der Woche, sondern des jungen Lebens. Kein Wunder, dass die Heldin raus will aus dem planlosen Gegensystem. Kein Wunder auch, dass das nicht ganz einfach ist, aber schön, dass es in Bananama sehr poetisch und mitunter ganz schön komisch zugeht.

Bananama ist märchenhaft und hat angenehm satirische Züge. Die Eltern machen Dinge, die selbst einer 6jährigen komisch vorkommen. Aber sie sind halt auch die Eltern. Mit feiner Ironie und mit viel Einfühlsamkeit wird hier eine Selbstversorger- und Aussteigergeschichte erzählt, die doch zum Scheitern verurteilt ist, weil sich die Welt nun mal nicht ausblenden lässt.

Wird es der Bananama-Prinzessin gelingen, vom Aussteigen auszusteigen? Wer wird sich durchsetzen, die Sense oder der Rasenmäherroboter? Können Pakete aus dem Internet auf Dauer die Löcher dieser konstruierten Vater-Mutter-Tochter-Welt stopfen? Das gilt es natürlich selbst zu erlesen. Auf in den Buchhandel. Auf nach Bananama.

SIMONE HIRTH. BANANAMA. Kremayr & Scheriau. 2018. ISBN 978-3-218-01103-7


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