PROVINZGASTHOF-
HORROR ODER:
VOLTAIRET EUCH!

AUTOR: JOHANNES WITEK
Rezension von Markus Köhle
Johannes Witek ist ein treuer DUM-Text-Lieferant. Seine Beiträge, die wir ja, wie alle anderen auch, anonymisiert lesen, erkenne ich sofort, sofern es sich um lyrische Texte handelt. Bei Prosa gelingt es ihm manchmal, mich etwas abzuschütteln und auf falsche Fährten zu locken. Johannes Witek hat es nun also getan, er hat einen Roman geschrieben. Vorher erschienen bereits einige Bände mit typischen Witek-Texten (z.B. "Wenn alle Sängerknaben der Welt das Hohe C singen, muss ich mir in den Kopf schießen"). Die kennt man als DUM-LeserIn großteils bereits (Gott sei Dank bin ich versucht auszurufen!). Denn da finden sich wahrhafte Perlen darunter, die ich immer wieder gerne laut bei geöffnetem Fenster auf meine Gasse beziehungsweise in den dritten Stock gegenüber schmettere. Im dritten Stock gegenüber schauen sie zwar meist fern, sind aber grundfröhlich und tolerieren mich, selbst wenn ich beispielsweise nackt das "Lob der Indolenz" deklamiere.

Jetzt also ein Roman, der einem optisch gleich schon einmal mit dem Arsch ins Gesicht springt und dessen grünes Cover wirklich weh tut. Das tut was zur Sache. Das ist Programm des Chaotic Revelry Verlags und passt gut mit "Voltaires Arschbacken" zusammen. Darin wird geraucht und beobachtet und wie immer verstörend verdichtet. Das "Und?" als Gesprächsaufhänger wird hinlänglich gewürdigt. Die Leute sind fett oder haben keine Hintern. Dem Haupthaar wird viel Augenmerk geschenkt aber auch dem Plot.

Kuhscheißattacken

Der Journalist Peternella soll den scheuen Autor Peter treffen und daraus eine große Story machen. Denkt dieser Peternella an nichts, ist das verhältnismäßig spannend und lässt ihn gleichzeitig ein mit seinen Initialen versehenes Pentagramm in den Tresen schnitzen. Dieser Peter ist ein (Thomas) Bernhard in Mariaplan. Peter interessiert: "Ein fragendes Bewusstsein, anwesend in seiner Abwesenheit und bereit, irritiert zu werden." (23) Der Spaziergangkünstler lebt und liest die Natur, denn Theater ist tot und Theater macht Porno. Deshalb dieser Roman und der macht Sodom und Gomorrha in Bad Subenzipfel, preist den Flirterfolg von Gelaber in rechtschaffenem Tonfall, schiebt die Nachbarin und den Ursprung der Welt ins Bild und Peters Verflechtungen mit ihr. Außerdem geht es um Kuhscheißattacken da und Umhackvolksfeste dort.

Das ist in Summe: Provinz at it's best! Beste Romanunterhaltung sowieso. Mit Genuss werden Szenen variiert, Wiederholungen sind ebenso Programm. Auch mit der Schlüssigkeit des Textes wird gespielt (quasi LeserInnentests). Tabu- und Stilbrüche sind Konzept, sprachliche Entgleisungen bewusst gesetzt. Da wird nicht nur ein bisschen gekotzt, da wird sich entleert und immer wieder nachgeschüttet (erst recht im Showdown). Peter baudelairet Peternella ohnehin randvoll. Fehlt nur noch ein Zivildiener, der auch fleischlich mit seinen Pflegefällen verkehrt. Nein, fehlt nicht! Nichts fehlt, alles da. Bravo!

JOHANNES WITEK. VOLTAIRES ARSCHBACKEN. Chaotic Revelry Verlag. 2014. ISBN ISBN 978-3-9815-8110-2



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