HAKEN SCHLAGEN NICHT NUR HASEN

Autor: ROBERT PROSSER
REZENSION: Markus Köhle
Dieser Text trifft wie ein Leberhaken. Man möchte in die Knie gehen vor der Leistung dieses Romans. Man kann sich mit "Gemma Habibi" outknocken, ohne angezählt werden zu müssen. Outknocklesen statt Bingereading also. Um einen Rausch geht es da wie dort. Das Gute am Rausch: Er zieht einen rein. Das Gute an einem guten Rausch: Er hallt angenehm nach und der Kater faucht nicht, er schnurrt. Gemma Habibi knallt, rauscht, schnurrt. Das ist schon ziemlich viel für einen Roman. Aber zurück zum 1.-Runden-Gong.

Erzählt wird die Geschichte von einem Studenten, der über die Soziologie und Anthropologie den Weg in den Boxclub findet und vom Forscher zum Akteur wird; von der WG-Couch in die weite Welt, vom Zocker zum Boxer, vom Reisenden, Suchenden, Liebenden zum Fighter. Lorenz aus der oberösterreichischen Provinz betrachtet die Welt mit großen, neugierigen Augen und ist bereit Neues, Fremdes, Kultisches aufzusaugen. Lorenz ist bereit Grenzen zu überschreiten, was ihn nach Syrien, in den Boxring, in die Abhängigkeit einer Frau und schließlich nach Ghana bringen sollte.

Elena ist Droge

Immer in der Nähe und doch auch seltsam distanziert: Elena, die magische Frauenfigur. Elena ist Lorenz Droge. Er ist abhängig von ihr, sie öffnet ihm Türen, lässt ihn Dinge machen, erleben, sehen, die er ohne sie niemals für möglich gehalten hätte. Elena ist Fotografin mit Mission, Vision und äußerster Konsequenz. Sie hält fest, was grad um sich schlägt: auf Demos, in Krisenherden, im Alltag. Und dann ist da noch eine wichtige Nebenfigur: Z. Ein Syrer mit Faible für Tony Montana, den Scarface Helden. Z aus einer noch nie gehörten Stadt in Syrien, der Seidenhemden mit Spitzkragen trägt und mit seiner Geraden in die Boxgeschichte eingehen will. Vorher aber gilt es den langen Weg in den Westen anzutreten, der schließlich in Wien und einem Schaukampf im Boxring endet und/oder beginnt.

Wir sind also angekommen in der Gegenwart und Lorenz, der auf einer Refugees Welcome Demo bloß Freunde treffen will, wird plötzlich eingekesselt und schlagartig politisiert. Man kann eben nicht die Augen verschließen vor dem, was gerade (Wien 2015) vor sich geht, auch wenn man sie zugeschwollen hat vom Trainieren, von den Vorbereitungen auf das große Turnier. Lorenz erkennt, dass er noch mehr in die Tiefe gehen muss, um bereit zu sein für zukünftig Großes. Das lässt ihn zum NGO-Praktikanten in Ghana werden, der die Schaufel in die Hand nimmt und gräbt, gräbt, gräbt. Lorenz fördert allerhand persönlichen Schutt zu Tage, macht sich frei für neue Erfahrungen und lernt Land und Leute kennen. Der Blick ist dabei nie wertend sondern eher staunend. Dass Boxer ausgerechnet bei einer Hexenaustreibung k.o. geht, ist ein schönes Detail am Rande und die letzte Runde des Romans, also der Schluss, ist ein weiterer Beweis der Meisterschaft des Autors.

Kracht und knackt

Denn Happy End gibt es keines, erst recht nicht in einem Milieu, das zwar bunt gemischt und im Boxclub eine Einheit sein mag, das aber schon auch einen Hang zu Gewalt und miesen Geschäften hat. Es kracht und knackt am Ende ("Blut ist ein ganz besondrer Saft", heißt es im Faust). Einiges geht zu Bruch, Neues wird beginnen. Als Leser schlage ich das Buch zu und bin erfreut darüber, dass dieses Zuschlagen keine blauen Flecken und klaffende Wunden nach sich zieht, aber lange nachhallende Geschichten. Gemma Habibi: Die Faust von heute!

ROBERT PROSSER. GEMMA HABIBI. Ullstein fünf. 2019. ISBN 978-3-96101-014-1


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