ÜBER ALLEM
WAR LICHT

AUTORIN: MAGDA WOITZUCK
Rezension von Kathrin Kuna
Präzise ungemütlich. Ein Roman, ein Krimi. Eine sehr verzwickte Liebesgeschichte. Kein Richter, aber ein Henker. Wenn man mit Columbo, Agatha Christie und anderen Klassikern der Krimi-Geschichte groß geworden ist, freut man sich über dieses sehr gut aufgebaute Buch. Alles, was passieren kann, passiert also gleich zu Beginn. Dann kommen der Reihe nach einzelne Details wie Puzzleteile des Ganzen ans Tageslicht. Konsequent wird mit sprachlicher Präzision und psychologischem Feingefühl erklärt, die verschiedenen Zeitebenen werden geschickt mit einander kombiniert. Wo viel Schatten ist, muss auch Licht sein. Das wusste nicht nur Goethe.

Rosa ist nicht Anna Karenina

Rosa ist in einer schrecklichen Ehe gefangen und beginnt eine Affäre mit dem besten Freund ihres Mannes. Daraus wird mehr, was natürlich auch gefährlich ist. Zumal sich Rosa nicht für einen der beiden entscheidet und ihr Ehemann Hans sehr gewalttätig ist. Diese Konstruktion ist nicht einmalig in der Literaturgeschichte. Warum sollte man so eine Geschichte lesen, von der man nicht nur das Ende, sondern eigentlich - kann man eins und eins zusammenzählen - auch den Anfang ungefähr kennt? Die Sprache ist einmalig und damit gelingt es Magda Woitzuck auch, einen Gemeinplatz der Literaturgeschichte neu zu beleuchten. Rosa ist nicht Anna Karenina. Oder Anais Nin. Oder oder oder. Sie hat kein Gesicht, aber man fühlt quasi beim Lesen wie es sich anfühlen muss neben ihr zu sitzen. Man fühlt ihre physische Präsenz - vom Unbehagen über Neuentdeckungen bis hin zu kurzzeitigen Unabhängigkeitsbewegungen zum Licht, vor allem aber auch die dunklen Erkenntnisse und Eingeständnisse, bis hin zum Befreiungsschlag.

"Erst als sie sich fertig angezogen hatte, begriff Rosa. Mit hängenden Armen und offenem Mund hatte sie in die Büsche gestarrt und an Lust gedacht. An Hans. Kein Schlag, den er ihr in den vergangenen Jahren versetzt hatte, war so heftig gewesen wie die Wucht dieser Erkenntnis: Rosa schämte sich, vor diesem anderen Mann die geschlagene Frau zu sein. Sie schämte sich genauso dafür, dass sie es zuließ, wie dafür, dass sie darüber immer so beständig geschwiegen hatte. Aber am meisten schämte sich Rosa für etwas anderes, und es war das andere, das ihr den Boden unter den Füßen entzogen hatte: (...)"


MAGDA WOITZUCK. ÜBER ALLEM WAR LICHT. Verlag Wortreich. 2015. ISBN 978-3-9503991-2-7